Hasskriminalität in Baden-Württemberg Blume: "Jetzt kippt der Hass auf die Straße"

Mit fast 300 Fällen hat sich die Zahl rassistischer Hasstaten im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Michael Blume, der Antisemitismusbeauftragte der Landesregierung, sieht im SWR-Interview die Ursachen dafür im Internet.

SWR: Was denken Sie, wenn Sie solche Statistiken lesen?

Michael Blume: Auf der einen Seite sehen wir, dass die Kriminalität insgesamt zurückgeht. Baden-Württemberg wird sicherer, aber ausgerechnet die Hasskriminalität nimmt zu. Das ist natürlich das, was wir befürchtet haben. In Baden-Württemberg haben nur 0,2 Prozent der Bevölkerung einen jüdischen Hintergrund, aber 20 Prozent aller Hassverbrechen fallen in den Bereich Antisemitismus, da wird einem schon ganz anders.

Michael Blume (Foto: SWR)
Michael Blume, Antisemitismus-Beauftragter der Landesregierung

Woran liegt das?

Es ist natürlich für uns alle einfacher, zu sagen: "Die anderen waren’s". Das erlebe ich immer wieder. Wenn ich über linken Antisemitismus spreche, wird gesagt, "schauen Sie doch mal nach rechts". Wenn ich über rechten Antisemitismus spreche, heißt es, "schauen Sie mal bei den Muslimen". Wenn ich über muslimischen Antisemitismus spreche, dann heißt es, "gucken Sie mal nach Polen, da sind es die christlichen Fundamentalisten". Fakt ist leider, Antisemitismus ist ein Problem quer durch die Gesellschaft. Der Glaube, dass Verschwörer hinter allem stecken, was schief läuft, den haben Sie auf der linken, rechten und religiösen Ecke, da natürlich auch unter Muslimen. Den haben Sie aber auch in unserem Landtag beispielsweise bei unseren Abgeordneten, es ist also nicht nur ein Thema unter unseren Zuwanderern.

Können Sie sich das erklären?

Wir sehen leider bereits seit einigen Jahren, dass sich eine Beobachtung bestätigt, immer dann, wenn neue Medien eingeführt wurden: Der Buchdruck hat Europa zerissen, Hexenverbrennungen, 30-jähriger Krieg, die elektronischen Medien, also Radio, Film. Davon profitierten Rassisten, Nationalisten, Antisemiten, gerade auch in Deutschland. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk war eine Reaktion auf den Zusammenbruch des Mediensystems. Und jetzt haben wir digitale Medien und es ist nicht einmal so, als ob die Zahl der Antisemiten zunehmen würde. Aber die Menschen, die antisemitisch oder rassistisch gesinnt sind, radikalisieren sich im Internet. Dieser Hass nimmt im Internet seit einigen Jahren ganz massiv zu und jetzt kippt er auf die Straße. Leider bestätigt sich die Befürchtung.

Die Fragen stellte Markus Pfalzgraf, SWR-Redaktion Landespolitik

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