Internationaler Frauentag in Baden-Württemberg Die Situation von Frauen ist besser, aber immer noch nicht gut genug

In Baden-Württemberg leben inzwischen etwas mehr Frauen als Männer. Das heißt aber nicht, dass in allen Bereichen die Gleichstellung erreicht ist. Politisch müsse mehr getan werden, fordern Verbände zum Weltfrauentag.

Zwei Frauen sitzen in Stuttgart in der Sonne (Foto: dpa Bildfunk, Marijan Murat)
Für Frauen in Baden-Württemberg sind die Lebensbedingungen zwar sonniger geworden in den letzten Jahren. Dennoch gebe es immer noch viel zu tun, meint z.B. der Landesfrauenrat. (Archivbild) Marijan Murat

In Baden-Württemberg lebten laut Statistischem Landesamt in 2017 knapp 5,5 Millionen Frauen. Rund 30 Prozent von ihnen (1,6 Millionen) haben einen Migrationshintergrund. Die Herkunft der meisten Frauen mit Migrationshintergrund liegt im europäischen Ausland (73 Prozent). Besonders stark vertreten sind die Türkei (238.000, 15 Prozent) und die Länder des ehemaligen Jugoslawien (220.000, 13 Prozent). Aus der ehemaligen Sowjetunion leben 303.000 (19 Prozent) Frauen in Baden-Württemberg. Darunter sind viele Spätaussiedlerinnen mit deutschen Wurzeln.

Nur noch wenige Frauen ohne Abschluss

Von den Frauen ohne Migrationshintergrund zwischen 18 und 25 Jahren haben 60 Prozent die Fachhochschulreife oder das Abitur.

Viele Frauen mit Migrationshintergrund haben hohe allgemeinbildende Schulabschlüsse. Ein Drittel der Frauen mit Migrationshintergrund hat die Schule mit der Fachhochschulreife oder dem Abitur beendet, rund 13 Prozent haben keinen Abschluss erworben.

Von den Frauen ohne Migrationshintergrund hat etwa ein Prozent keinen Schulabschluss. Die Fachhochschulreife oder das Abitur haben 30 Prozent der Frauen ohne Migrationshintergrund und damit rund drei Prozentpunkte weniger als Frauen mit Migrationshintergrund. Dies liegt daran, dass Frauen ohne Migrationshintergrund im Durchschnitt deutlich älter sind und das Bildungsniveau älterer Menschen im Durchschnitt niedriger ist.

Bei Frauen mit Migrationshintergrund ist das erreichte Bildungsniveau in jüngeren Altersgruppen sehr viel höher als bei den Älteren. Gegenüber älteren Frauen mit Migrationshintergrund sind es bei den unter 35-Jährigen nur noch sehr wenige (rund 5 Prozent), die keinen schulischen Abschluss nachweisen können und sich nicht mehr in Ausbildung befinden.

Teilzeit bei Frauen um das Fünffache höher als bei Männern

Zur Jahresmitte 2018 arbeitete von den rund 2,1 Millionen sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen in Baden-Württemberg fast die Hälfte in Teilzeit. Insgesamt waren 983.700 Frauen in Teilzeit beschäftigt, das sind rund 153.600 beziehungsweise 18,5 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren.

Die Teilzeitquote bei den Frauen übertrifft die der Männer immer noch etwa um das Fünffache. Dabei ist laut Statistischem Landesamt die stärker industriegeprägte Wirtschaftsstruktur in Baden-Württemberg zu beachten. Bundesweit lägen die Teilzeitquoten 2018 mit 47,9 Prozent bei den Frauen und 11,2 Prozent bei den Männern spürbar höher als in Baden-Württemberg.

Die meisten Frauen arbeiten im Dienstleistungssektor, insbesondere im Gesundheits- und Sozialwesen. Laut Statistik waren das 2018 rund 80 Prozent aller sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen im Land.

Frauen verdienen deutlich weniger

Der Vorsprung beim Schulabschluss und die geringere Arbeitslosenquote spiegelt sich allerdings nicht bei der Bezahlung wider. Vielmehr ist es so, dass Männer deutlich mehr verdienen als Frauen. Lag landesweit der Bruttostundenlohn bei Frauen im Jahr 2017 bei 21,81 Euro, so verdienten Männer pro Stunde fast sieben Euro mehr - und zwar 28,59 Euro.

Frauen mit vielen Kindern arbeiten seltener

Welche Rolle spielen Kinder? Mehr als 90 Prozent der kinderlosen Frauen arbeiteten landesweit im Jahr 2017. Frauen mit einem Kind waren noch zu fast 75 Prozent beschäftigt und bei drei und mehr Kindern waren es noch 43 Prozent.

Mehr Frauen auf Grundsicherung im Alter angewiesen

In Baden-Württemberg bezogen laut Statistischem Landesamt im dritten Quartal 2018 51.900 Frauen Rente, das sind 51,7 Prozent.

Frauen in Führungspositionen

Der Frauenanteil an den Hochschulleitungen hat sich in den letzten zehn Jahren erhöht. Die Zahlen stiegen kontinuierlich, wenngleich nicht überall so schnell, wie sie es sich wünsche, teilte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) mit.

Besonders stark nahm der Anteil dem Ministerium zufolge unter den Rektoratsmitgliedern der Universitäten zu. Er steigerte sich von 17,5 Prozent auf 32,6 Prozent, also von 7 auf 14 Frauen. Angestiegen ist er auch bei den Hochschulen für angewandte Wissenschaft - von 14 Prozent auf 23,4 Prozent, in Zahlen von 12 auf 22.

Den stärksten Anstieg verzeichneten die Hochschulräte der Universitäten. Im Vergleichszeitraum zwischen 2008 und 2018 kletterte der Frauenanteil von 22,5 Prozent auf 48,1 Prozent. Hier hatte das Wissenschaftsministerium bereits 2014 eine gesetzliche Mindestquote von 40 Prozent eingeführt.

Sitzmann: Frauen brauchen keine spezielle Förderung

Baden-Württembergs Finanzministerin Edith Sitzmann (Grüne) ist hingegen der Meinung, Frauen bräuchten keine spezielle Förderung. "Entscheidend ist, dass wir bei Beurteilungen und Beförderungen immer mit gleichem Maßstab messen. Dass etwa Teilzeitkräfte nicht benachteiligt werden." Es wäre besser, ohne Quote auszukommen. Dazu appellierte sie bei den Unternehmen im Land an die Einsicht, dass gemischte Teams besser und effizienter seien.

Zwei Frauen sitzen in Büro und schauen auf einen Laptop. (Foto: Getty Images, jacoblund)
Frauen in obersten mittelständischen Führungsriegen sind in Baden-Württemberg noch eher selten jacoblund

Allerdings sind die obersten Führungsriegen in mittelständischen Firmen, auch in Baden-Württemberg, nach wie vor männlich dominiert. Nur etwa 17,1 Prozent der Mitglieder in Geschäftsführungen sind Frauen - vor einem Jahr waren es 16,3 Prozent. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage der Wirtschaftsprüfgesellschaft Ernst & Young. Bei jedem dritten Mittelständler bestimmen noch allein Männer den Kurs.

 Jede vierte Frau hat häusliche Gewalt erlebt

Statistisch gesehen hat jede vierte Frau in Deutschland bereits häusliche Gewalt erlebt. Bei Migrantinnen und geflüchteten Frauen sind Erhebungen aber viel schwieriger, weil die Dunkelziffer nochmals höher sei, so Jan Ilhan Kizilhan vom Institut für transkulturelle Gesundheitsforschung an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Villingen-Schwenningen.

Kizilhan: Gewaltprävention ist auch Männerthema

Angst vor Ausgrenzung in der eigenen Community sei da. Oftmals sei auch der Aufenthaltsstatus durch die Ehe an den Mann gebunden. Zusätzlich komme hier hinzu, dass die Frauen das deutsche System nicht kennen und oftmals die Sprache nicht sprechen.

Deshalb entwickelte sein Institut zusammen mit der Integrationsbeauftragten Annette Widmann-Mauz (CDU) eine Broschüre und schult Multiplikatorinnen. "Wenn wir Gewaltprävention ernst nehmen, müssen wir uns aber auch den Männern widmen", so Kizilhan. Und so gibt es auch einen Ratgeber für Männer.

Wenn Frauen sich entschließen, ihren Mann zu verlassen und Hilfe in Anspruch zu nehmen, dann ist das Angebot zu klein für die Nachfrage. So erhält das Wohnprojekt ROSA in Baden-Württemberg beispielsweise rund 80 Anfragen für einen Platz aus ganz Deutschland, es gibt aber nur 12 Plätze.

Frauen mit Behinderung besonders gefährdet

Der Paritätische Baden-Württemberg und das Frauenberatungszentrum Fetz in Stuttgart machen darauf aufmerksam, dass insbesondere Frauen mit Behinderung besseren Schutz und Hilfe gegen sexualisierte Gewalt und Gewalt in Partnerschaften brauchen.

Die Verbände fordern vom Land barrierefreie Frauenhäuser und Beratungsstellen sowie die Finanzierung von Sprachmittlung in Gebärdensprache. Frauen mit Behinderungen würden rund zwei bis drei Mal häufiger sexuelle und körperliche Gewalt im Erwachsenenalter erfahren als Frauen ohne Behinderungen.

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