Muhterem Aras (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Internationale Woche gegen Rassismus Aras: "Deutscher ist, wer die deutsche Staatsbürgerschaft hat"

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Am Montag sind die Internationalen Wochen gegen Rassismus in ganz Deutschland gestartet. Im SWR-Interview spricht die diesjährige Botschafterin und BW-Landtagspräsidentin, Muhterem Aras, über ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus.

Unter dem Motto "100 Prozent Menschenwürde – zusammen gegen Rassismus" sind bundesweit über 1.000 Veranstaltungen zur internationalen Woche gegen Rassismus geplant. Im SWR-Interview hat die diesjährige Botschafterin Muhterem Aras betont, wie wichtig es sei die Werte des Grundgesetzes zu achten, damit ein besseres Miteinander in Deutschland möglich ist.

SWR: Frau Aras, welche Erfahrungen verbinden Sie mit dem Thema Rassismus?

Muhterem Aras: "Unterschiedliche. Als Kind habe ich Rassismus gar nicht erlebt. Das erste Mal habe ich Rassismus erlebt, als ich mit meinem Mann vor über 30 Jahren eine Wohnung gesucht habe. Da habe ich gemerkt, dass der türkische Name nicht sehr hilfreich ist, um diplomatisch zu bleiben. Auf der anderen Seite habe ich Rassismus jetzt in meinem neuen Amt als Landtagspräsidentin hier im Landtag von Baden-Württemberg sehr deutlich gespürt, indem beispielsweise ein Abgeordneter der AfD mir aufgrund meines Geburtsortes abspricht, dass ich mich zur Gedenkkultur äußere, dass ich Gedenkkultur fördern und pflegen will und auch Schlussfolgerungen daraus aus dem Rassismus der NS-Zeit für unser heutiges Leben ziehe.

Da wird meines Erachtens noch unterschieden zwischen Deutschen erster und zweiter Klasse und da muss ich ganz klar sagen, das ist mit den Werten des Grundgesetzes nicht vereinbar. Das Grundgesetz macht glücklicherweise keine Unterscheidung: Deutscher ist, wer die deutsche Staatsbürgerschaft hat."

Karlsruher Wochen gegen Rassismus (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Uli Deck)
Die "Stiftung gegen Rassismus" plant und koordiniert die jährlich stattfindenden Internationalen Wochen gegen Rassismus. picture alliance/Uli Deck

Was können Sie als Politikerin dafür tun, dass es weniger rassistische Angriffe in Deutschland gibt. Wird genug getan, wie ist Ihre Einschätzung?

"Natürlich gibt es Rassismus, keine Frage. Aber auf der anderen Seite, ist es aber auch wunderbar zu sehen, wie viele Menschen sich für eine offene Gesellschaft, für die Vielfalt, die dieses Land hat, einsetzen. Das zeigen auch die Internationalen Wochen gegen Rassismus. Bundesweit sind über 1.250 Veranstaltungen angemeldet. Politikerinnen und Politiker können was gegen Rassismus tun, indem sie Debatten anstoßen, indem sie Flagge zeigen, dort wo es angebracht ist. Indem man klar sagt wo eine Grenzüberschreitung ist, indem man Menschen ermuntert. Es gibt glücklicherweise ganz viele Menschen, die eben gegen Rassismus aufstehen und deshalb glaube ich, ist jeder von uns gefragt. Das kann nicht nur die Politik von oben nach unten delegieren. Gegen Rassismus kann jeder und jede von uns was tun und das sollten wir auch tun.

Ich finde es geht beim Kampf gegen Rassismus auch um unser demokratisches Gemeinwesen als Ganzes und für mich sind Vielfalt und Offenheit der Wesenskern unserer Demokratie und deshalb ist jeder und jede auch gefordert Flagge zu zeigen und das machen ja glücklicherweise auch ganz viele Menschen."

Manche haben den Eindruck Deutschland sei enger geworden, weniger tolerant. Was würden Sie sagen, wie weltoffen ist Deutschland?

"Ich würde sagen Deutschland ist sehr weltoffen und das sollten wir nicht kleinreden. Der überwiegende Teil der Gesellschaft bekennt sich ganz klar zu den Werten des Grundgesetzes: Vielfalt und Offenheit. Es gibt eine Minderheit, die schrill und laut ist, aber das ist nicht die Mehrheit. In allen Parlamenten sitzen Menschen mit unterschiedlichen Lebenswelten, Migrationsgeschichten und auch deshalb ist Deutschland unglaublich weltoffen. Dass ich beispielsweise jetzt Landtagspräsidentin bin, auch das ist doch ein Indiz für die Weltoffenheit dieses Landes.

"Ich bin sehr glücklich und froh, dass ich in diesem wunderbaren und weltoffenen Land lebe. Zumal finde ich, dass wir mit dem Grundgesetz eine der besten Verfassungen der Welt haben."

Muhterem Aras, BW-Landtagspräsidentin

Die ist angelegt auf Vielfalt, Offenheit, Toleranz, Solidarität und auch streitbare Demokratie und insofern glaube ich, können wir uns diesen Herausforderungen wirklich gestärkt stellen."

Hat sich das Klima in Deutschland tatsächlich verändert?

"Es stimmt, es gibt rassistische Übergriffe. Aber ich bin nicht sicher, ob es von der Anzahl mehr ist als früher. Wir haben natürlich durch die sozialen Medien ein neues Instrumentarium, das wie eine Echokammer wirkt. Das Internet ist anonym, man kann viel mehr Gewalt in Worten ausdrücken. Entscheidend ist, dass man dagegen vorgeht und die Werte des Grundgesetzes hochhält. Wenn jeder von uns sich ein bisschen mehr auf das Grundgesetz besinnen würde, dann würden wir insgesamt besser miteinander auskommen. Davon bin ich ganz fest überzeugt."

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