Innenminister Strobl: "Haben kein Interesse, gefährliche Personen ins Land zu holen" Mutmaßlicher IS-Dschihadist will zurück nach BW

Mehr als 50 Islamisten sind aus Baden-Württemberg nach Syrien und Irak gezogen, um sich Terrorgruppen wie dem IS anzuschließen. Einige sind gestorben, andere sitzen dort in Haft und hoffen auf eine baldige Rückkehr nach Deutschland. So wie Dirk P.

Der heute 36 Jahre alte Dirk P. ist in Stuttgart aufgewachsen und hat in Pforzheim gelebt. Im Frühjahr 2015 ist er nach Syrien gereist, wo er sich dem IS angeschlossen hat. In einer gemeinsamen Recherche konnten das SWR-Magazin "Zur Sache Baden-Württemberg!" und die Zeitung "Die Welt" die Geschichte von Dirk P. nachzeichnen: seine Radikalisierung in Deutschland, seinen Weg zum IS, seine Inhaftierung durch kurdische Milizen.  

Dirk P. hat sich in Syrien dem IS angeschlossen und möchte jetzt zurück nach Deutschland (Foto: SWR)
Der Stuttgarter Dirk P. hat sich in Syrien dem IS angeschlossen und möchte jetzt zurück nach Deutschland

Dirk P.: "Ich war nicht in den Kampf involviert"

Vor zwei Wochen: In einem Zimmer des kurdischen Geheimdienstes, nahe der nordsyrischen Stadt Al-Maabadah, sitzt Dirk P. vor einem braunen Vorhang. Er trägt einen rot-blau gestreiften Pullover. Rein äußerlich deutet nichts darauf hin, dass es sich hier um einen gefährlichen Dschihadisten handeln könnte. Der gelernte Orthopädie-Schuhmacher gibt bereitwillig Auskunft. Er beteuert, im IS-Gebiet nur Prothesen für verletzte Kämpfer angefertigt zu haben: "Ich war im Kampf nicht involviert. Ich habe meine Arbeit gemacht und bin nach Hause gegangen, zum Markt und wieder zurück. Ich habe nur freitags frei gehabt, und da habe ich versucht, mit meiner Familie einen schönen Tag zu gestalten."

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
19:30 Uhr
Sender
SWR Fernsehen BW

In Syrien hat er geheiratet und inzwischen einen kleinen Sohn. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als zurück nach Deutschland zu kommen. Er habe sich vom IS distanziert, vor allem nachdem einer seiner Freunde vom IS hingerichtet worden sei. Im Interview sagt Dirk P.: "Das Hauptproblem beim IS und überhaupt in der Gemeinschaft der Muslime ist, dass sie sehr unwissend sind. Und ich bin einer davon."

Wie glaubwürdig ist Dirk P.?

Wie glaubwürdig sind diese Aussagen? Nachprüfen kann man sie kaum. Tatsache ist, dass die kurdische Miliz der YPG (Volksbefreiungseinheiten) den Baden-Württemberger vor mehr als einem Jahr festgenommen hat, auch weil sie glaubt, dass Dirk P. sich an "atrocities", also an Gräueltaten beteiligt hat. Nach Informationen von SWR und der "Welt" läuft in Deutschland gegen ihn ein Ermittlungsverfahren der Bundesanwaltschaft wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat. Ihm droht womöglich eine Haftstrafe.  

Dirk P.s Vater (Foto: SWR)
Dirk P.s Vater würde seinen Sohn und dessen Familie aufnehmen

Dirk P.s Vater, der in Baden-Württemberg lebt, betrachtet das Schicksal seines Sohnes mit gemischten Gefühlen. Einerseits findet er, dass sein Sohn die Konsequenzen für sein Handeln tragen müsse. Andererseits glaubt er nicht, dass Dirk P. tatsächlich selbst gekämpft hat: "Möglich ist es, aber wenn, dann hat er den Hintern eingeklemmt und ist abgehauen. Ich kenne ihn. Er hat viel zu viel Schiss."

Bundesregierung will Optionen prüfen

Seit Monaten versucht der Vater, über informelle Kanäle eine Rückkehr seines Sohnes zu erreichen. Unterstützung erhält er dabei von der ehemaligen Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD). Sie sagt: "Das Problem ist, dass es in Syrien keine deutsche Auslandsvertretung gibt." Somit könnten deutsche Konsularbeamte vor Ort auch nicht aktiv werden. Jetzt hat die Bundesregierung gegenüber SWR und der "Welt" mitgeteilt, sie wolle "mögliche Optionen prüfen", ob sie in humanitären Fällen Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit zurückholen kann. Ein kleiner Hoffnungsschimmer also.

Innenminister Strobl will keine Rückkehrer

Der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) hat dabei allerdings große Bedenken. Im Interview mit dem SWR bezieht er klar Position: "Wenn wir große Anstrengungen unternehmen, gefährliche Personen außerhalb des Landes zu verbringen, können wir auf der anderen Seite kein Interesse daran haben, uns gefährliche Personen ins Land zu holen." Allerdings müsse jeder einzelne Fall geprüft werden.

Der Vater von Dirk P. jedenfalls hält die deutschen Behörden für "Schnarchnasen". Seinen Sohn und dessen Familie würde er bei sich zu Hause aufnehmen. Er sagt: "Ich hoffe, dass Dirk merkt, dass der Glaube nur benutzt wird von machtbesessenen, kaputten Typen, die andere Menschen quälen nur um des Quälens willen."

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