Ein Bauarbeiter sichert sich mit einer Kette an einem Kran (Foto: picture-alliance / dpa, Britta Pedersen (Symbolbild))

Arbeitsunfälle in Baden-Württemberg Weniger Kontrollen - mehr Tote

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Immer mehr Arbeitsunfälle im Land enden tödlich. Dagegen wird der Arbeitsschutz seit Jahren in immer weniger Betrieben staatlich kontrolliert.

Im vergangenen Jahr kamen in Baden-Württemberg laut einer Erhebung der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) 70 Menschen bei Arbeitsunfällen ums Leben. Vier mehr als noch im Jahr 2016, als es ebenfalls eine Zunahme gab. Damals sogar um zehn Prozent. Seit 2012 kamen allein in Stuttgart 15 Arbeiter bei Unfällen ums Leben. Davon elf auf Baustellen und vier bei sonstigen Betrieben, sagte Michael von Koch, Leiter der Gewerbeaufsicht Stuttgart, dem SWR.

80 Prozent weniger Kontrollen in 20 Jahren

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Tatsächlich hat Baden-Württemberg die Zahl der Betriebskontrollen zurückgefahren. "Ich fühle mich ziemlich hilflos, weil ich nicht die nötige Aufsicht durchführen kann", beklagt von Koch. Es gebe keinen "Überwachungsdruck" auf die Bauunternehmer. Keiner befürchte, dass die Gewerbeaufsicht kommt, etwas beanstandet oder sogar die Baustelle stillgelegt wird.

"Wir haben hier 21.000 Baustellen im Jahr und davon können wir 30 kontrollieren."

Michael von Koch, Leiter der Gewerbeaufsicht Stuttgart

Dabei handelt es sich nicht um ein regionales Phänomen und nicht nur um ein Problem des Baugewerbes: Daten des Bundesarbeitsministeriums und des Landes ergeben, dass Baden-Württemberg die Zahl der Betriebskontrollen in allen Branchen seit Mitte der 90er Jahre um rund 80 Prozent zurückgefahren hat.

Gewerbeaufsicht stark unterbesetzt

Doch auch diese offiziellen Zahlen sind nach SWR-Informationen viel zu hoch angesetzt. Denn das Land hat den Arbeits- und Umweltschutz zusammengelegt und gibt nur die Gesamtzahlen der Kontrollbesuche an. Der Anteil des Arbeitsschutzes liegt aber nach einer Untersuchung aus dem Jahr 2015 bei nur 40 Prozent.

Auch der Richtwert für den staatlichen Arbeitsschutz wird nicht eingehalten: Danach sollen auf einen Kontrolleur 10.000 Beschäftigte kommen. In Baden-Württemberg sind es pro Kontrolleur jedoch 23.500 Arbeiter und Angestellte. Die Gewerbeaufsicht im Land ist also massiv unterbesetzt.

"Kein Kavaliersdelikt"

"Arbeit darf nicht krank machen – geschweige denn, das Leben kosten", reagierte der Landesvorsitzende des Deutsche Gewerkschaftsbunds (DGB) Baden-Württemberg, Martin Kunzmann, am Mittwoch auf die Berichterstattung des SWR. Der DGB fordere die Landesregierung auf, Sofortmaßnahmen für einen besseren Arbeitsschutz zu ergreifen und das Personal für die Gewerbeaufsicht von 500 auf 1.000 dringend zu verdoppeln.

Auch die Gewerkschaft Verdi fordert das Land sowie Arbeitgeber zum Handeln auf. "Unzureichender Arbeits- und Gesundheitsschutz ist kein Kavaliersdelikt", teilte Landesbezirksleiter Martin Gross am Mittwoch mit. "Arbeitgeber, die hier sparen, provozieren gefährliche Folgen für ihre Beschäftigten und in Krankenhäusern auch für Patientinnen und Patienten." Ein Staat, der seine Kontrollfunktion nicht mehr wahrnehme, sei für diese Entwicklung direkt mitverantwortlich.

Der Arbeits- und Gesundheitsschutz gelte auch für die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz, die duch steigende Belastung und zunehmende Arbeitsverdichtung zunehme. "Auch hier sind Kontrollen gefordert", so Gross.

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