Blick durch ein Atommodell im Chemieunterricht an einem Gymnasium (Foto: dpa Bildfunk, picture-alliance/Patrick Pleul/dpa (Archiv))

IQB-Bildungstrend 2018 Baden-württembergische Schüler in Naturwissenschaften nur Mittelmaß

Die Leistungen von baden-württembergischen Neuntklässlern in Naturwissenschaften liegen im bundesweiten Vergleich nur im Mittelfeld. Das zeigt eine Studie im Auftrag der Kultusminister, die am Freitag vorgestellt wurde.

Während die baden-württembergischen Schüler in den Naturwissenschaften im bundesweiten Vergleich im Mittelfeld liegen, stehen sie im Fach Mathe besser da. Seit 2012 haben sich die Leistungen insgesamt aber kaum verändert. Das geht aus dem am Freitag in Berlin vorgestellten IQB-Bildungstrend 2018 im Auftrag der Kultusminister hervor. Bundesweit wurden im vergangenen Jahr rund 45.000 Schüler der 9. Jahrgangsstufen aus rund 1.500 Schulen getestet, darunter waren 91 Schulen aus Baden-Württemberg.

In Mathe steht BW im Ranking auf Platz vier

Das Ergebnis: In den Fächern Biologie, Chemie und Physik liegt Baden-Württemberg im Vergleich der Bundesländer im Mittelfeld. In Mathe steht der Südwesten im Ranking auf Platz vier. Vor Baden-Württemberg liegen in dem Fach die Länder Sachsen, Bayern und Thüringen. In den Naturwissenschaften entspricht der Anteil der baden-württembergischen Schüler, die mindestens den Regelstandard erreichen, mehr oder weniger dem bundesweiten Durchschnittswert. Der Regelstandard beschreibt die Kompetenzen, die in der Regel von Schülern einer bestimmten Jahrgangsstufe erreicht werden sollen.

Eisenmann: Noch "Luft nach oben"

Zuletzt war im Jahr 2017 eine Studie vorgestellt worden, die die Kompetenzen von Grundschülern der 4. Klassen in Deutsch und Mathe untersuchte. Sie ergab, dass sich die Schülerleistungen in Baden-Württemberg massiv verschlechtert hatten. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sagte am Freitag, der Abwärtstrend sei gestoppt. Die neuen Ergebnisse machten Mut, wenngleich noch Luft nach oben sei.

Baden-Württemberg konnte sich nach Eisenmanns Worten im Länderranking deshalb verbessern, weil die Leistungen von Schülern in den anderen Bundesländern seit 2012 zum Teil drastisch abgesackt sind. Teilweise deutlich zurückgegangen sind die Leistungen in den meisten der genannten Fächer in Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Auch in Thüringen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und dem Saarland zeigt die neue Untersuchung in jeweils mehr als einem der gemessenen Fächer Verschlechterungen.

Gymnasien in BW mit schlechteren Ergebnissen

In Baden-Württemberg schneiden nur die Gymnasien im Vergleich mit der letzten Erhebung schlechter ab. "Diesen Befund müssen wir genauer analysieren", betonte die Kultusministerin. Sie verweist darauf, dass für die in diesen Testlauf einbezogenen Neuntklässler die Grundschulempfehlung erstmals nicht mehr verbindlich war. Dabei geht es um die Empfehlung der Grundschule, welche weiterführende Schulart für ein Kind nach der vierten Klasse geeignet ist. Die grün-rote Vorgängerregierung hatte entschieden, dass die Empfehlung seit dem Schuljahr 2012/2013 nicht mehr verbindlich ist. Die Eltern können sich also über sie hinwegsetzen.

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16:00 Uhr
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SWR Fernsehen BW

Rund zehn Prozent der Schüler wechseln in Baden-Württemberg seit der Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung aufs Gymnasium, ohne dass sie über die entsprechende Grundschulempfehlung verfügen. Sachsen und Bayern, die Spitzenreiter beim aktuellen IQB-Bildungstrend, halten hingegen bis heute an der verbindlichen Grundschulempfehlung fest.

Leistungen der anderen Schularten in BW haben sich verbessert

Die Leistungen der Schüler an den anderen Schularten wie Realschulen, Haupt- und Werkrealschulen sowie Gemeinschaftsschulen sind in Baden-Württemberg zugleich besser geworden. Sie haben in der Studie die schlechteren Ergebnisse an den Gymnasien wettgemacht.

GEW kritisiert "Mittelmaß ist zu wenig"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisierte über Twitter, dass Mittelmaß zu wenig sei. Es sei ein schlechtes Zeichen, wenn die Kultusministerin damit zufrieden sei, so die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz. Zudem bemängelte die Lehrergewerkschaft zu wenige Investionen und zu wenige neue Lehrerstellen.

Für den Philologenverband, der die Gymnasiallehrer vertritt, ist besonders der Leistungseinbruch in den Gymnasien ein Alarmzeichen. "Durchschnitt ist keine Voraussetzung für Weltspitze", sagte Verbandschef Ralph Scholl. Ebenso wie Eisenmann sieht Scholl einen Grund im Absacken der Gymnasien darin, dass die Empfehlung der Grundschulen für eine weiterführende Schule seit dem Schuljahr 2012/13 nicht mehr verbindlich ist. Zu viele leistungsschwächere Schüler würden von überambitionierten Eltern auf eine für sie falsche Schulart geschickt, kritisierte Scholl.

Handwerk sieht keine Trendwende

Der Vorsitzende des Landesschülerbeirats, Leandro Cerqueira Karst, zeigte sich unzufrieden mit den IQB-Ergebnissen. "In Mathematik auf dem vierten Platz und in den Naturwissenschaften (Biologie, Chemie, Physik) in etwa im deutschen Mittelwert zu landen entspricht nicht unserem Anspruch."

Landeshandwerkspräsident Rainer Reichhold äußerte sich erleichtert darüber, dass die baden-württembergischen Schüler ihr Niveau gehalten haben - eine Trendwende sieht er nach eigenen Worten aber noch nicht. Und die Präsidentin der Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart, Marjoke Breuning, meinte: "Die Ergebnisse des aktuellen Bildungstrends im Südwesten sind keine ausreichend gute Ausgangsposition, um die Herausforderungen von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz zu meistern."

Opposition kritisiert Lehrermangel

Reaktionen gab es auch aus der Politik. Die FDP richtete das Augenmerk auf den Lehrermangel. Nach Ansicht ihres Bildungsexperten Timm Kern unterrichten in den Naturwissenschaften und in Mathe zu viele Lehrer, die dafür keine Lehrbefähigung haben. Bei der Gewinnung von Lehrern müsse die Kultusministerin "mehr Kreativität an den Tag legen".

Die SPD-Landtagsfraktion verlangt mehr Unterstützung für die Schulen, damit sich die Testergebnisse in Zukunft verbessern. Es dürfe nicht so viel Unterricht ausfallen und es müsse mehr Förderangebote geben, forderte SPD-Bildungsexperte Stefan Fulst-Blei.

Bildungsforscher sieht Fehler bei der Politik

Der Tübinger Bildungsforscher Ulrich Trautwein kritisierte Regierung und Opposition gleichermaßen. Schon in einem Interview vor rund drei Jahren erklärte er, die CDU sei zu ihren Regierungszeiten nur begrenzt bereit gewesen, Probleme im Bildungssystem wahrzunehmen und anzugehen. Zudem hätten Schulreformen der dann folgenden grün-roten Landesregierung Unruhe ins Schulsystem gebracht und die Lehrkräfte abgelenkt.

Insgesamt sind Trautwein zufolge viele handwerkliche Fehler gemacht worden, zum Beispiel wurde bei der Lehrereinstellung zu knapp kalkuliert und die Qualität der Lehrerausbildung sei auch mangelhaft.

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