Eine Frau versucht, sich vor der Gewalt eines Mannes zu schützen (gestellte Szene). (Foto: picture alliance/Maurizio Gambarini/dpa)

Vorbild Gewaltambulanz Heidelberg Baden-Württemberg will Gewaltopfern besser helfen

Nach Gewaltverbrechen ist es wichtig, dass schnell Spuren am Körper des Opfers gesichert werden. Denn sonst wird es viel schwerer, die Täter zu ermitteln. Doch bisher sind die wenigsten Kliniken auf den Umgang mit Gewaltopfern vorbereitet.

Jede vierte Frau im Land hat mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Gewalt in der Partnerschaft erlebt, so das Sozialministerium Baden-Württemberg. Doch längst nicht alle Kliniken im Land sind auf solche oder andere Gewaltopfer vorbereitet und führen bei der ersten Behandlung auch eine Beweissicherung durch. Die ist unter anderem wichtig, damit die Polizei den Täter ermitteln kann.

Wie die Situation in den meisten Kliniken ist, musste eine junge Frau nach einer Vergewaltigung durch zwei Männer im Großraum Backnang (Rems-Murr-Kreis) erleben. Verletzt und geschockt klingelte die 20-Jährige bei einer Vertrauten. Sie und deren Ehemann begleiteten sie schließlich in ein Krankenhaus. Die Ambulanz war rappelvoll, die Warteschlange trotz Voranmeldung lang, die Mitarbeiter waren gestresst.

Man musste laut reden, erzählt die Begleiterin, deshalb bekamen andere Patienten wohl sogar mit, was der jungen Frau widerfahren war. Irgendwann landete sie in der Gynäkologie. Dort habe man sich verhalten, als hätte man so etwas noch nie erlebt. Man habe auch bei der Kriminalpolizei angerufen, "ob es da irgendwie die Möglichkeit gibt, Spuren zu sichern". Zu diesem Zeitpunkt wollte die Frau nämlich noch keine Anzeige erstatten und auch nicht mit der Polizei sprechen.

"Auch bei der Untersuchung selbst, die haben untereinander viel gesprochen, wie man das jetzt am besten macht. Das war eher so, als hätten die das noch nie gemacht. Das hat mir selber so ein bisschen Angst gemacht, weil ich nicht wusste, wie ich mit der Situation umgehen soll."

Anonymes Opfer einer Vergewaltigung

Es gibt nur eine Stelle in ganz Baden-Württemberg, wo es heute schon rund um die Uhr und sieben Tage die Woche einen professionellen Notdienst mit Gynäkologie und Rechtsmedizin gibt: in der Gewaltambulanz am Universitäts-Klinikum Heidelberg.

Die dortige Ärztliche Direktorin, Prof. Kathrin Yen, kritisiert die Versorgungssituation in Baden-Württemberg. Während es in Heidelberg eine vollwertige Ambulanz des Rechtsmedizinischen Instituts gebe, sei die Versorgung in der übrigen Fläche des Landes sehr unterschiedlich. Nicht einmal in Stuttgart gebe es die Sicherheit, dass nach einer Gewalttat tatsächlich eine professionelle, den aktuellen forensischen Standards genügende Untersuchung stattfinde.

Das Land will reagieren: Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) sagte, man sehe einen Handlungsbedarf, und dem wolle man auch gerecht werden. Dazu soll es einen Fachtag geben, an dem überprüft werde, wo es Bedarf gebe - zum Beispiel an den Universitätskliniken, aber auch an Schwerpunkt-Krankenhäusern mit Maximalversorgungscharakter.

Auch in Schulungen wolle man dafür sorgen, dass das Thema Gewaltopfer noch stärker ins Bewußtsein gerate.

"Wir begeben uns jetzt auf den Weg, die Versorgungs- und Angebotslage diesbezüglich einfach zu verbessern und sicherzustellen."

Manfred Lucha (Grüne), Sozialminister BW

Die junge, betroffene Frau wird genau verfolgen, ob die Landesregierung die Situation wirklich verbessert. Sie machte ihren Fall schließlich öffentlich, um andere zu schützen.

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