Missstände in der Nachkriegszeit in Baden-Württemberg Gewalt in Kinderheimen - Minister bittet um Entschuldigung

Geschlagen, gedemütigt, gezeichnet fürs Leben - Schicksale tausender Heimkinder der Nachkriegszeit in Baden-Württemberg erschüttern bis heute. Ihre Geschichte wurde nun wissenschaftlich aufgearbeitet.

Dauer

Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) hat sich im Namen der Landesregierung bei den ungezählten Opfern entschuldigt, die unter mangelhafter Heimerziehung in der Nachkriegszeit gelitten haben. Eine am Mittwoch veröffentlichte Studie zeigt, dass der Staat bei der Aufsicht der Heimerziehung in vielen Fällen versagte.

Für das Projekt "Heimerziehung in Baden-Württemberg 1949 - 1975" haben Forscher des Landesarchivs über einen Zeitraum von sechs Jahren für rund 1.800 ehemalige Heimkinder deren Geschichten recherchiert - bundesweit eine einmalige Aktion. In etwa 30 Prozent der untersuchten Aufsichtsakten über Heime seien auch Missstände belegt, sagte Nora Wohlfarth vom Landesarchiv Baden-Württemberg. Die Machtstrukturen hätten es den Heimkindern jedoch massiv erschwert, mit ihren Erlebnissen nach außen zu dringen.

Lucha: "Betroffenen Würde zurückgeben"

Lucha hob den bundesweiten Vorbildcharakter des Forschungsprojekts hervor. Nur wenn bekannt sei, was sich damals in den Heimen abgespielt habe, und welche Systeme die Missstände begünstigt hätten, könnten Lehren für die Zukunft gezogen und Kinder und Jugendliche geschützt werden.

Kindern und Jugendlichen Schutz zu bieten, sei eine der wichtigsten Aufgaben, sagte der Minister. "Wir können angetanes Leid nicht rückgängig machen", sagte er. Durch Aufklärung könne den Betroffenen aber ein Stück ihrer Geschichte und Würde zurückgegeben werden.

Ehemaliges Heimkind: "Ich war alleine"

Das bestätigt auch Andreas Blume, der als Heimkind in Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) lebte. 40 Jahre lang hat er über sein Schicksal geschwiegen. Er habe Demütigungen, Missbrauch und physische und psychische Gewalt erlebt. "Ich war alleine", sagt er. Vertrauenspersonen hätten völlig gefehlt.

Dass es nun Menschen und Institutionen gegeben habe, die zugehört hätten, sei eine wichtige Erfahrung für ihn gewesen. "Wir waren Heimkinder, also nichts", sagt er. "Aber jetzt ist unser Leiden einmal angehört worden. Das fand ich unglaublich wertvoll."

Gesellschaftliches Desinteresse beförderte Missstände

Die Missstände in den Heimen seien oft durch Machtstrukturen und ein flächendeckendes gesellschaftliches Desinteresse befördert worden, sagte Wohlfahrt. Unter den insgesamt 532 untersuchten Heimen sind staatliche, kirchliche und private Einrichtungen.

Aktuell leben nach Angaben des Sozialministeriums rund 6.500 Kinder und Jugendliche in 350 verschiedenen Einrichtungen der Erziehungshilfe.

STAND