Ein Mitarbeiter misst den Lärm eines ICE für die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz in Karlsruhe. (Foto: Imago, Gustavo Alabiso)

Gesundheitsgefahr durch Straßen- und Schienenlärm Landesbeauftragter fordert Senkung der Lärmgrenzwerte vom Bund

Im Kampf gegen Verkehrslärm sehen Experten dringenden Handlungsbedarf. Der Lärmschutzbeauftragte der Landesregierung fordert eine Absenkung der bundesweiten Lärmgrenzwerte für den Straßen- und Schienenlärm.

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16:00 Uhr
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SWR Fernsehen BW

"Die Auswirkung von Verkehrslärm auf die Gesundheit der Menschen wird häufig unterschätzt", sagte der Lärmschutzbeauftragte der baden-württembergischen Landesregierung, Thomas Marwein (Grüne), laut Mitteilung. Tatsächlich stelle diese Lärmquelle eines der größten Gesundheitsprobleme unserer Zeit dar. 76 Prozent der Bevölkerung fühlten sich dem Umweltbundesamt zufolge von Straßenlärm belästigt, aber oft sei rechtlich nichts dagegen zu machen. "Die Lärmgrenzwerte, die für Urteile von Verwaltungsgerichten aller Ebenen herangezogen werden, sind deutlich zu hoch. Dies müssen wir dringend ändern."

Experten fordern Umsetzung der WHO-Richtlinien von 2018

Marwein hat dazu am Freitag in Stuttgart ein Papier vorgestellt, das er gemeinsam mit Wissenschaftlern verfasst hat. Darin heißt es, die derzeit geltenden Lärmgrenzwerte von 70 Dezibel am Tag und 60 Dezibel in der Nacht sollten in einem ersten Schritt um fünf Dezibel abgesenkt werden. Schon dadurch verringere sich das Risiko schwerer Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Anschließend sollten die Grenzwerte dann soweit sinken, wie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Vorjahr empfohlen, nämlich auf 53 Dezibel am Tag und auf 45 Dezibel in der Nacht.

Lärm macht krank: Hintergründe zu den WHO-Leitlinien im Audio:

Lärmexperte Dirk Streckenberg vom Zentrum für angewandte Psychologie, Umwelt- und Sozialforschung in Hagen (Nordrhein-Westfalen) sagte, bei den Gesundheitsrisiken gehe es nicht nur um Hörschäden, sondern auch um Stress, Schlafstörungen und Kreislauferkrankungen. Er sprach von einem schleichenden Prozess, der sich oft über Jahrzehnte hinziehe. "Herzerkrankungen, die haben Sie nicht von heute auf morgen", sagte er. "Es ist nicht so, dass sie einen Lkw hören und dann fallen sie tot um." Aber 25 Jahre lang 60 Dezibel seien ein Problem. Bereits ab etwa 35 Dezibel stiegen die Risiken. Dezibel ist die Maßeinheit für den Schalldruckpegel.

Warum Lärm krank macht, sehen Sie im Video:

Streckenberg sagte, es gehe auch um sogenannte Umweltgerechtigkeit. Von Straßenlärm seien häufig ärmere Menschen betroffen, die keine Lobby hätten. Herzerkrankungen von Menschen, die an hochexponierten Punkten lebten, seien mit einer 25-prozentigen Wahrscheinlichkeit auf Straßenlärm zurückzuführen. Eine um fünf Dezibel niedrigere Schwelle könne das Risiko verkehrsbedingter Herz-Kreislauf-Erkrankungen um bis zu 15 Prozent senken.

Ein Schild, das auf Tempo 30 und Lärmschutz hinweist, steht auf der Bundesstraße 31. (Foto: dpa Bildfunk, Felix Kästle)
Eine Absenkung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit von Tempo 50 auf 30 vermindert den Lärmpegel nach Angaben des Umweltbundesamts je nach Lkw-Anteil um zwei bis drei Dezibel. Felix Kästle

Um eine Absenkung des Straßenlärms um fünf Dezibel zu erreichen, müsste man die Zahl der Fahrzeuge um rund zwei Drittel reduzieren, sagte Christian Popp vom Hamburger Ingenieurbüro Lärmkontor.

Lärmschutzgesetze: Verantwortung liegt beim Bund

Baden-Württemberg kann die Grenzwerte allerdings nicht selbst verändern, da die Gesetzgebung in diesem Bereich in die Kompetenz des Bundes fällt. Dieser, so Marwein, müsse deshalb nun schnellstmöglich aktiv werden, um die Bevölkerung besser vor Lärm zu schützen. Eine Bundesratsinitiative plant die Landesregierung aber nicht.

Die Grenzwerte für gesundheitsgefährdenden Lärm sind nach Angaben des baden-württembergischen Verkehrsministeriums nicht individuell einklagbar. Sie würden aber von Verwaltungsgerichten auf allen Ebenen für Urteile herangezogen. Auch beim Straßenbau und dem Bau von Bahnstrecken spielten sie eine wesentliche Rolle, sagte Christoph Erdmenger, Leiter der Abteilung für Nachhaltige Mobilität. Beim Bau von Landesstraßen würden die niedrigeren Grenzwerte schon umgesetzt. Der meiste Lärm entstehe aber an Bundesstraßen, für die die Bundesregierung zuständig sei.

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