Ärger um Abiturprüfungen in Baden-Württemberg (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Bernd Wüstneck/dpa)

Nach Panne bei schriftlicher Prüfung in BW 109 Schüler wiederholen Gemeinschaftskunde-Abitur

Wegen einer Panne im Gemeinschaftskunde-Abitur haben am Freitag 109 Schüler die Prüfung wiederholt. Dabei habe es keine weiteren Probleme gegeben, teilte das Kultusministerium mit.

Nach der Panne im Gemeinschaftskunde-Abitur hatte das baden-württembergische Kultusministerium den Schülern, die an der Prüfung teilgenommen hatten, einen Nachtermin angeboten. 109 von 2.078 Schülern wollten die Prüfung wiederholen, das entspricht 5,2 Prozent. Bei allen Schülern, die den Nachtermin nicht wahrnahmen, wird die bereits geschriebene Klausur gewertet.

Anlass für den Nachtermin war eine Abitur-Prüfungsaufgabe, in der die Schüler die Bedeutung der NATO für die Friedenssicherung erklären sollten, und zwar anhand eines sogenannten Kategorienmodells. Daran hatten sich viele Schüler gestoßen und sich beschwert, dass sie diesen Begriff nicht verstanden hätten. Deshalb hätten sie diese Teilaufgabe nicht lösen können. Das Kultusministerium fragte daraufhin bei den Gymnasien nach. Demnach ist es an 130 von 200 Gymnasien in Baden-Württemberg versäumt worden, den Begriff "Kategorienmodell" im Unterricht zu behandeln.

Bildungsministerin Eisenmann und Ärger um das Abitur in Gemeinschaftskunde (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Die Kultusministerin sieht die Schuld für die Abi-Panne bei den Gemeinschaftskunde-Lehrern, die einen Pflichtinhalt nicht unterrichtet haben sollen Picture Alliance

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sagte dem SWR, die Schüler hätten ja die Wahl gehabt zwischen zwei Aufgaben, deshalb hätten sie ja auch die andere aussuchen können. Eisenmann betonte, es sei keine Frage, ob ein Lehrer Lust habe, ein bestimmtes Thema zu unterrichten, er müsse das umsetzen, was im Bildungsplan stehe. Zuvor hatte das Kultusministerium darauf verwiesen, dass der Begriff "Kategorienmodell" ausdrücklich im Bildungsplan verwendet wird. Dort heißt es als verpflichtend zu erlangende Kompetenz: "Die Schülerinnen und Schüler können die Struktur der internationalen Staatenwelt mithilfe eines Kategorienmodells beschreiben."

Für die jetzigen Abiturienten ist der Bildungsplan von 2004 verbindlich, darin ist der Begriff "Kategorienmodell" enthalten. In der Version von 2016 taucht der Begriff nicht mehr auf. Er tritt für die gymnasiale Oberstufe erst im Schuljahr 2021/22 in Kraft.

Lehrer reagieren entrüstet

Die GEW berichtete von empörten Lehrkräften, die diese Reaktion des Kultusministeriums inkompetent, unverschämt und ärgerlich finden. Hier würden die Lehrer zu Sündenböcken gemacht. Offenbar haben sich bei der Gewerkschaft auch Lehrkräfte gemeldet, denen die Abituraufgabe als falsch formuliert aufgefallen war. Darüber informierten sie auch ihre Schulleitungen. Ein Rektor riet demnach einem Lehrer, deshalb im Regierungspräsidium anzurufen. Der Mann sei aber "abgebügelt" worden, weil er der einzige gewesen sei, der sich gemeldet habe.

"Kategorienmodell ist kein in der fachwissenschaftlichen Terminologie gebräuchlicher Begriff... Er kommt so auch in keinem Lehrwerk vor."

Betroffener Gymnasiallehrer

In einer Mail an die Gewerkschaft schrieb ein Gymnasiallehrer, der fragliche Begriff sei in der fachwissenschaftlichen Terminologie nicht gebräuchlich, auch wenn er im Bildungsplan stehe. "Aber, da steht ja auch nicht, dass wir den Begriff 'Kategorienmodell' lehren müssen, was auch Quatsch wäre, weil er eben in der Politikwissenschaft so nicht existiert - sondern, dass die Schüler*innen die Struktur der Staatenwelt mit Hilfe eines Kategorienmodells beschreiben können. Das haben natürlich alle Kolleginnen und Kollegen übersetzt und fachlich zutreffend 'Theorien der internationalen Beziehungen', 'Weltordnungsmodelle' oder 'Denkschulen' unterrichtet. Dazu sagt kein Mensch 'Kategorienmodell'", so der Lehrer. Und weiter: "Natürlich haben mit Sicherheit alle die oben genannten Modelle unterrichtet, nur hat dazu eben niemand den fraglichen Begriff gewählt, der im Übrigen auch in keinem Lehrwerk so vorkommt."

Philologenverband gegen "plattes Lehrer-Bashing"

Ähnlich sieht es auch der Philologenverband Baden-Württemberg, in dem die Lehrkräfte an Gymnasien organisiert sind. In einer Pressemitteilung wies der Vorsitzende, Ralf Scholl, darauf hin, dass die Gemeinschaftskundelehrer den Begriff "Kategorienmodell" seit Jahren als unklar und schlecht definiert kritisieren. Es sei ja wohl kein Zufall, dass der "Fehler" an zwei Dritteln der Schulen passiert sei - hier bestehe eher eine Unklarheit, wie der Bildungsplan den Lehrern vermittelt wurde. Der Verband sprach sich deshalb gegen ein "plattes Lehrer-Bashing" aus.

Nachprüfung "Poker um die Abiturnote"

Der Landesschülerbeirat (LSBR) kritisiert, dass die betroffenen Schüler mit einem äußerst zweifelhaften Vorgehen unter Zugzwang gesetzt worden seien. Sie seien am wenigsten verantwortlich und hätten nun den stärksten Druck, weil sie innerhalb von 24 Stunden entscheiden mussten, ob sie noch einmal eine Prüfungsklausur schreiben wollen. Der Vorsitzende des LSBR, Leandro Cerquiera-Karst, bezeichnete das als "Poker um die Abiturnote, weil die Schüler ja nicht wüssten, ob sie in der fehlerhaften Prüfung nicht doch besser gewesen seien als in der neu abzulegenden. Außerdem kritisierte er, dass den Lehrern offenbar untersagt wurde, vor Prüfungsbeginn den Abiturienten den Begriff "Kategorienmodell" zu erläutern: "Das ist besonders erschreckend." Die Beteiligten müssen sich seiner Ansicht nach kritisch hinterfragen. Die Schuld von sich weg zu schieben, helfe nicht weiter, um solche Fehler in Zukunft zu vermeiden, so Cerquiera-Karst.

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