Winfried Kretschmann zeigt mit dem Finger und spricht, im Hintergrund ist ein Diktatheft zu sehen (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Montage: SWR)

Bildungspolitik in Baden-Württemberg Kretschmann: Rechtschreibung pauken nicht mehr so wichtig wie früher

"Wer nämlich mit 'h' schreibt, ist dämlich?" Wie viele Schüler kennen diesen Merksatz noch? Nach Ansicht des baden-württembergischen Ministerpräsidenten ist Rechtschreibunterricht nicht mehr so wichtig wie früher.

"Jeder Mensch braucht ein Grundgerüst an Rechtschreibkenntnissen, das ist gar keine Frage. Aber die Bedeutung, Rechtschreibung zu pauken, nimmt ab, weil wir heute ja nur noch selten handschriftlich schreiben", sagte Winfried Kretschmann (Grüne) der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart. Es gebe "kluge Geräte", die Grammatik und Fehler korrigierten.

"Ich glaube nicht, dass Rechtschreibung jetzt zu den großen, gravierenden Problemen der Bildungspolitik gehört."

Winfried Kretschmann (Grüne), Ministerpräsident Baden-Württemberg

Eisenmann widerspricht Kretschmanns Aussage

Den Grundschulverband hat Kretschmann, der früher als Chemie- und Biolehrer gearbeitet hat, auf seiner Seite. Doch Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) und der Rat für deutsche Rechtschreibung widersprechen entschieden. "Ich bin der Ansicht, dass wir vielmehr wieder ein deutliches Bekenntnis zur Rechtschreibung brauchen, gerade im medialen Zeitalter", sagte Eisenmann. Rechtschreibung sei ein bedeutendes Kulturgut und eine Schlüsselqualifikation wie Lesen und Rechnen. "Diese Bedeutung müssen wir auch in unseren Schulen vermitteln."

"Rechtschreiben ist eine Grundkompetenz"

Das Kultusministerium hatte zuletzt den Rechtschreibunterricht gestärkt. Seit dem Schuljahr 2018/19 dient der "Rechtschreibrahmen" Lehrern als Orientierung. In der Grundschule gibt es mehr Deutschstunden. Und nun können Rechtschreibfehler in allen Fächern - nicht nur in Deutsch - in die Bewertung einfließen. Das gilt in Schulen oberhalb der Grundschule, nicht aber in der gymnasialen Oberstufe. Die Geschäftsführerin des Rats für deutsche Rechtschreibung in Mannheim, Sabine Krome, sagte: "Diesen Vorstoß sehe ich als sehr wichtig an, denn Rechtschreiben ist tatsächlich eine Grundkompetenz nicht nur in der Schule, sondern in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens." Rechtschreibung sollte zwar nicht der wichtigste, aber doch ein wesentlicher Pfeiler von Bildung sein.

Bildungsexperte: "Förderung sieht anders aus"

Der Bildungsexperte der SPD-Landtagsfraktion, Daniel Born, sagte, die bisherigen Maßnahmen des Kultusministeriums reichten vielleicht für den schnellen Applaus. Eine nachhaltige Förderung sähe aber anders aus. Der bildungspolitische Sprecher der FDP/DVP-Fraktion, Timm Kern, sagte: "Indem er der Rechtschreibung ihre Bedeutung abspricht, demotiviert der Regierungschef all diejenigen, die sich anstrengen, die deutsche Sprache zu erlernen."

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Bernd von Jutrczenka/dpa)
Kultusministerin Eisenmann geht es darum, "dass wir in unserer Gesellschaft wieder eine bewusstere Haltung gegenüber Rechtschreibung aufbauen". (Archivbild) picture alliance/Bernd von Jutrczenka/dpa

Grundschulverband sieht Prioritäten woanders

Der Grundschulverband Baden-Württemberg ist ganz beim Ministerpräsidenten:

"Ja, wir brauchen Rechtschreibung. Aber bitte doch von den Prioritäten her nicht als Allerwichtigstes."

Hans Brügelmann, Verbandsmitglied und emeritierter Professor für Grundschulpädagogik

Rechtschreibkompetenz bedeute heute etwas anderes als früher. Es gehe nicht mehr um das blinde Üben eines begrenzten Wortschatzes für Diktate. Handschrift und Rechtschreibung seien lediglich "Oberflächenmerkmale", sagte Brügelmann. Eisenmann hacke immer wieder darauf herum und treffe damit offensichtlich einen Nerv in der öffentlichen Diskussion.

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