Eine Bibel und eine Peitsche in einer Virtrine (Foto: SWR)

Zeremonie in Gibeon Baden-Württemberg gibt geraubte Kulturgüter an Namibia zurück

Lange lagerten eine Bibel und eine Peitsche im Stuttgarter Linden-Museum. Jetzt hat Baden-Württemberg die Kulturgüter bei einer Zeremonie mit 3.000 Teilnehmern an Namibia zurückgegeben.

Dauer

"Es ist ein bewegender und historischer Moment, dass wir die beiden Kulturgüter von nationaler Bedeutung an die Menschen in Namibia zurückgeben", sagte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) am Donnerstag bei der Zeremonie in Gibeon (Namibia). Die Deutschen könnten die Geschichte nicht ungeschehen machen, aber sich ihrer Verantwortung stellen. "Die koloniale Vergangenheit verbindet unsere Nationen - für Namibia auf besonders schmerzhafte Weise", erklärte die Ministerin.

Erste Rückgabe an ein afrikanisches Land

Bauer überreichte dem namibischen Präsidenten Hage Geingob eine Bibel und eine Peitsche. Die beiden Gegenstände gehörten einst Hendrik Witbooi, der seinerzeit den Aufstand der Nama gegen die deutschen Besatzer anführte. Heute wird Witbooi als namibischer Nationalheld verehrt. Beide Objekte wurden seit über 100 Jahren im Stuttgarter Linden-Museum aufbewahrt. Baden-Württemberg gibt damit erstmals koloniale Kulturgüter aus Afrika zurück.

Die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) ist für die Übergabe nach Namibia gereist (Foto: SWR)
Die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) ist für die Übergabe nach Namibia gereist

Die festliche Zeremonie, an der rund 3.000 Menschen teilnahmen, wurde von Nachfahren Witboois mitgestaltet. Sie hatten einer Rückgabe an die namibische Regierung zugestimmt. Der Staat soll die Stücke verwalten, bis Witboois Nachkommen in Gibeon ein Museum dafür errichten könnten. Die Bibel soll vorerst ins Nationalarchiv, die Peitsche ins Nationalmuseum von Windhuk gebracht werden.

Nama-Stamm kritisiert Übergabe an Regierung

Gegen die Übergabe wendet sich die Vereinigung der Nama-Stammesältesten (NTLA). Sie ist der Ansicht, dass Peitsche und Bibel direkt an Witboois Nachfahren zurückgegeben werden müssten. Die Vereinigung sah sich zudem in die Verhandlungen zwischen Deutschland und der namibischen Regierung nicht ausreichend eingebunden. Sie beklagt, dass die Gegenstände übergeben werden, ohne dass Deutschland zu einer umfassenden Entschädigung für den Genozid an den Nama zu Kolonialzeiten bereit sei. Die NTLA versuchte, die Rückgabe mit einem Antrag beim Landesverfassungsgericht in Stuttgart zu verhindern. Der Antrag scheiterte aus formalen Gründen.

Die Bibel und Peitsche wurden wohl 1893 geraubt. Sie gelangten 1902 als Schenkung ins Linden-Museum. Von 1884 bis 1915 hielt das deutsche Kaiserreich weite Gebiete des heutigen Namibias besetzt. Die Kolonialherren schlugen Aufstände der Volksgruppen der Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 im damaligen Deutsch-Südwestafrika brutal nieder. Deutsche Truppen töteten Historikern zufolge etwa 65.000 der 80.000 Herero und mindestens 10.000 der 20.000 Nama. Historiker sehen darin den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts.

STAND