Ein jüdischer Geistlicher trägt eine Kippa. (Foto: dpa Bildfunk, Geisler-Foto)

Bericht des Antisemitismusbeauftragten Judenfeindlichkeit hat in Baden-Württemberg wieder zugenommen

In Baden-Württemberg finden sich mehr antisemitische Einstellungen als im Bundesdurchschnitt. Das zeigt der erste Bericht des Antisemitismus-Beauftragten des Landes, der dem SWR vorliegt.

Dauer

Knapp fünfeinhalb Prozent der Menschen in Baden-Württemberg finden, dass Juden zu großen Einfluss haben oder mit mehr Tricks als Mitglieder anderer Bevölkerungsgruppen arbeiten. Das ist ein Prozentpunkt mehr als im Bundesdurchschnitt. Antisemitismus sei damit weiter verbreitet als bisher angenommen, erklärte der Antisemitismus-Beauftragte des Landes, Michael Blume, am Montag in Stuttgart.

Deutlich stärker verbreitet sind latente antisemitische Ressentiments und Vorurteile in der baden-württembergischen Bevölkerung, so der Bericht. Jeder Vierte stimmt demnach antisemitischen Aussagen zumindest teilweise zu. Besonders bei älteren und weniger gebildeten Menschen sei Judenfeindlichkeit stärker vertreten.

Antisemitismus hat in Baden-Württemberg 2018 wieder zugenommen

Die Zahlen für Baden-Württemberg zeigen auch: Über einen langen Zeitraum gesehen haben antisemitische Einstellungen in der Bevölkerung zwar abgenommen, zuletzt aber wieder zugenommen.

Auch die antisemitischen Straftaten in Baden-Württemberg haben im vergangenen Jahr wieder zugenommen: von 92 auf 130 Taten. Der Antisemitismusbericht zitiert dazu eine europäische Studie, die ergeben hat, dass Juden in Deutschland sich vor allem von extremistischen Muslimen und Rechten angegriffen fühlen.

Blume fordert Beauftragte auch für Stadt- und Landkreise

Blume fordert deshalb mehr Engagement vom Land. Es müsse unter anderem mehr Geld in Fortbildungen gesteckt werden: Für Lehrkräfte, aber auch für Beschäftigte bei der Polizei, in der Verwaltung und Justiz. Schulbücher sollten auf Vorurteile und Antisemitismus geprüft werden. Besuche von Gedenkstätten, Erinnerungsarbeit an die NS-Zeit und Austauschprogramme mit Israel sollten vom Land besser finanziell gefördert werden. Außerdem müsse es Antisemitismusbeauftragte auch in Stadt- und Landkreisen geben.

Zugleich gelte es die Meinungsfreiheit und "Möglichkeiten angstfreier Debatten zu wahren, indem nicht jede Kritik an israelischer Politik mit Antisemitismus gleichgesetzt" werde.

Verschwörungsmythen gegen Juden haben wieder Konjunktur

Der erste Bericht des Antisemitismus-Beauftragten sei nun beim Landtag eingereicht worden, teilte das Staatsministerium am Montag mit. Der Bericht soll zu einer Debatte und konkreten Maßnahmen führen, betonte Blume.

Dabei warnte Blume auch vor gefährlichen Verschwörungsmythen und Hetze im Netz.

"Antisemitismus äußert sich nicht nur als Hass gegen Juden, sondern ist besonders gefährlich durch seine Verknüpfung mit Verschwörungsmythen."

Michael Blume, Antisemitismus-Beauftragter für Baden-Württemberg

"Antisemiten rechter, religiöser und linker Prägung stützen sich auf uralte Mythen über eine angebliche Weltverschwörung von Juden und Geheimbünden. Dabei werden häufig auch der Rechtsstaat und die Demokratie im Allgemeinen als Teil der vermeintlichen Verschwörung abgelehnt", so Blume.

Gleichzeitig würden zunehmend Journalisten, die über Extremismus berichteten, persönlich bedroht und als "vermeintliche Vertreter einer von Verschwörern und bösen Mächten gesteuerten Informationspolitik" angegriffen. Der Bericht empfiehlt, entsprechende Drohungen zu dokumentieren und zu untersuchen.

STAND