Moderner Kitzel: Vorbeifahrende Passanten filmen mit dem Handy eine Unfallstelle (Symbolbild) (Foto: Imago, Imago/Jochen Tack)

Verkehrspsychologe im Interview Gaffer: Wenn die Sensation zur Gier wird

"Vorsicht Gaffer" - diese Verkehrsmeldung gehört inzwischen zur traurigen Realität nach Unfällen auf Baden-Württembergs Straßen. Was hinter dem Phänomen des Gaffens steckt, verrät der Verkehrspsychologe Reinhard Barth.

Bei einem Unfall auf der A8 bei Pforzheim war am Mittwochvormittag ein 59-jähriger Lkw-Fahrer ums Leben gekommen. Er war an einem Stauende auf einen weiteren Lastwagen geprallt. Auch bei diesem Unfall ließen Gaffer nicht lange auf sich warten. Laut DRK Pforzheim Enzkreis hätten viele von ihnen Fotos vom Rettungswagen gemacht und versucht, Blicke in den geöffneten Wagen zu erhaschen. Was Menschen bei ihrer Sensationsgier antreibt, darüber haben wir mit dem Stuttgarter Verkehrspsychologen Reinhard Barth gesprochen.

SWR: Warum gaffen Menschen?

Reinhard Barth: "Kurz und neutral formuliert: Es ist der Zweifel an der Existenz seltener Ereignisse. Also wie zum Beispiel einem Autounfall, Börsencrash oder einem Krieg. Es ist dieses 'Nicht glauben können', was passiert ist. Man kennt das auch aus anderen Bereichen, Action-Filme beispielsweise verkaufen sich gut, Kinder lieben Märchen, die grausame Inhalte haben - der Mensch interessiert sich also oft für das Furchtbare. Beim Gaffen geht es um diesen Zwang, hinschauen zu müssen."

Was ist der Gaffer für ein Mensch?

"Letztlich würde ich sagen, dass Gaffen überall vorkommt. Es ist menschlich, zu gaffen. Ich kann mir aber vorstellen, dass es einen harten Kern von Menschen gibt, der quasi von solchen Untergangsszenarien in Beschlag genommen wird und sich in hohem Maß mit solchen Themen beschäftigt. Das sind dann auch diejenigen, die solche Verkehrsunfälle dann auf Internetseiten präsentieren."

Ist Ihrer Meinung nach die zunehmende Digitalisierung schuld am Gaffen?

"Die zunehmende Digitalisierung ist Fluch und Segen zugleich. In Bezug auf das Thema Gaffen ist die Digitalisierung aber in gewisser Weise ein Fluch. Das liegt daran, dass diesem dauerhaften Beschäftigen mit einem Untergangsthema Vorschub geleistet wird. Denn diese Beschäftigung findet quasi immer neue Nahrung, weil immer ein neuer schlimmer Unfall passiert, der dann da gezeigt wird und den man sich anschauen kann."

"Alle Menschen haben die Tendenz zum Gaffen"

Reinhard Barth, Verkehrspsychologe

Herr Barth, würden Sie sagen, wir stumpfen ein Stück weit ab?

"Menschen haben ein Interesse an grausamen Inhalten. Das ist ein menschliches Interesse. Lehrer zum Beispiel, die stundenlang unterrichten müssen - in den Augenblicken, in denen sie grausame Geschichten erzählen, hören ihnen die Schüler zu. Dieses menschliche Interesse an dem Grausamen hat nichts mit Abstumpfung zu tun. Grausame Geschichten erzählen etwas über die irrationale Seite des Menschen und sowas beschäftigt uns.

Politiker fordern immer wieder höhere Strafen für Gaffer. Kann das Ihrer Meinung nach die Schaulust eindämmen?

"Ich halte das Problem des Gaffens für ein universelles. Man kann zwar vielleicht das Verhalten der Gaffer in gewisser Weise eindämmen, aber nicht die Fantasien dieser Menschen. Im Extremfall kann man alle Autofahrer einsperren, aber dann ist eben auch niemand mehr auf der Straße. Ich persönlich glaube, dass alle Menschen die Tendenz zum Gaffen haben. Ein ganz praktischer Weg, mit dem Problem des Gaffens fertig zu werden, wären Sichtschutzwände am Unfallort. Das wurde ja auch schon ausprobiert und es wurden bisher gute Erfahrungen damit gemacht."

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