Staatsoper in Stuttgart (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Marijan Murat/dpa)

Anfrage nach Künstler-Nationalitäten BW-AfD sorgt für Empörung - Pfarrer postet DNA-Analyse

Die AfD-Anfrage im Landtag zur Nationalität von Künstlern an staatlichen Bühnen hat für massive Kritik in der Kulturszene gesorgt. Ein Stuttgarter Pfarrer reagiert mit einem Facebook-Post.

Matthias Vosseler, Pfarrer an der Stuttgarter Stiftskirche, protestiert auf Facebook gegen eine Anfrage der AfD zum Ausländeranteil an staatlichen Bühnen in Baden-Württemberg.

Vosseler listet darin eine Analyse seiner eigenen DNA auf, die ihn zu 36 Prozent als Skandinavier, 28 Prozent als Italiener, knapp 10 Prozent als Deutscher und zu 1,3 Prozent als Nigerianer ausweise. "Als 'schwedischer Italiener' erkläre ich mich solidarisch mit den vielen Menschen aus so vielen verschiedenen Herkunftsländern, die hier auf den Bühnen des Landes Kultur zum Blühen bringen", schreibt der Pfarrer.

Welchen Pass haben die Künstler?

Die AfD will in einer Landtagsanfrage wissen, welchen Pass die Balletttänzer und Orchestermusiker an staatlichen Theatern und die Sänger in Opernstudios haben. Auch die Ausbildungsstationen der Künstler will die AfD erfahren. Die Anfrage wurde im Januar verfasst und im Juni in den Landtag eingebracht.

Pfarrer Vosseler empfiehlt jetzt auch AfD-Politikern, eine solche DNA-Analyse machen zu lassen.

Rainer Balzer von der AfD, Initiator der Anfrage, sagte, man erhoffe sich dadurch eine "Einschätzung der Qualität der eigenen Nachwuchskünstler im internationalen Vergleich". In Deutschland aufwachsende Künstler könnten es aufgrund der Ganztagsschule unter Umständen schwer haben, ausreichend Zeit zur künstlerischen Betätigung zu finden, vermutet Balzer unter anderem.

Rainer Balzer (AfD) (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Marijan Murat/dpa)
In Deutschland aufwachsende Künstler könnten es aufgrund der Ganztagsschule unter Umständen schwer haben, ausreichend Zeit zur künstlerischen Betätigung zu finden, begründet Rainer Balzer (AfD), die umstrittene Anfrage. picture alliance/Marijan Murat/dpa

Empörung in der Kulturszene

In der Kulturszene führte die Anfrage nach Bekanntwerden zu Empörung. Das erinnere an die NS-Zeit - so der Tenor vieler Kommentare im Netz und aus der Kulturszene.

"Die Anfrage der AfD spricht für sich selbst, und sie führt zur Überlegung, was für ein Sinn sich dahinter verbergen könnte", sagte der Geschäftsführende Intendant der Staatstheater, Marc-Oliver Hendriks. "Es fällt schwer, ein edles Motiv zu unterstellen." Mit rund 1.400 Mitarbeitern aus 50 Nationen sind die Staatstheater der größte staatliche Kulturbetrieb in Baden-Württemberg. Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) nannte die Anfrage ein Alarmsignal. Es sei ein Armutszeugnis, wie sich die AfD gegen die Staatstheater stelle.

Der Karlsruher Bundestagsabgeordnete Michel Brandt (Linke), früher Ensemblemitglied des Badischen Staatstheaters, sprach von einem "rassistischen Angriff gegen Kulturschaffende mit Migrationshintergrund".

Verdi will gegen die Anfrage demonstrieren

Der Stuttgarter Verdi-Geschäftsführer Cuno Brune-Hägele nannte in einer Mitteilung am Mittwoch die Anfrage "eine gezielte Provokation". Der Pass sei keine Qualitätsstufe. Martin Gross, Verdi-Landesbezirksleiter, sagte, dass die von der AfD geforderten Listen "gar nicht erst erstellt werden dürfen". Er befürchte, damit werde "genau das Klima geschaffen, das direkt zu Gewalttaten führen kann".

Verdi kündigte an, eine Kundgebung am Samstag in Stuttgart unterstützen, die sich gegen die Anfrage richtet. Der Stuttgarter Journalist und Künstler Joachim Bauer sagte auf Anfrage, die Aktion werde erst seit dem Mittwochmorgen geplant als Initiative verschiedener Aktivisten ohne feste gemeinsame Organisation. Die Kundgebung wende sich "gegen die Angriffe der Rechten auf die Kultur". Mit dabei seien die Oper Stuttgart, das Theaterhaus Stuttgart, verschiedene Bühnen, das Aktionsbündnis Stuttgart gegen Rechts, Die Linke, die Stuttgarter Initiative SÖS und die Grünen.

Nachklapp zur Debatte um die Kleine Anfrage der AfD im Landtag: Bei uns werden generell keine Listen zur Nationalität unserer Künstler*innen geführt – und wir werden diese auch nicht zur Beantwortung der AfD-Anfrage anfertigen.

Wissenschaftsministerium: Listen werden nicht geführt

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) stellte im SWR klar: Sie erwarte nicht, dass jetzt Staatsangehörigkeiten von Künstlern erfasst würden. Solche Listen würden auch nicht geführt - weder am Theater noch im Ministerium.

Die Frage werde allerdings beantwortet, ergänzte ein Sprecher. "Es ist das Recht der Mitglieder des Landtags, parlamentarische Anfragen und Anträge an die Regierung zu richten."

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