Voller Bahnsteig am Stuttgarter Hauptbahnhof am Pfingstmontag. (Foto: IMAGO, IMAGO / Arnulf Hettrich)

Kritik an Bahn-Infrastruktur

Überfüllte Züge und Ausfälle in BW: Erste Bilanz zum 9-Euro-Ticket an Pfingsten

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Das 9-Euro-Ticket hat um Pfingsten herum für noch vollere Züge in Baden-Württemberg gesorgt. Chaos oder Erfolg - Parteien und Organisationen ziehen eine erste Bilanz.

Der Andrang an baden-württembergischen Bahnhöfen war am Pfingstwochenende groß. Laut dem baden-württembergischen Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) haben die Bahnunternehmen "alles daran gesetzt", den Ansturm an den Bahnhöfen am Pfingstwochenende im Land gut zu bewältigen. Besonderen Dank sprach er gegenüber dem SWR dem Personal an Zügen und an Bahnhöfen aus. "Es war auch richtig, auf den besonders stark nachgefragten Verbindungen - soweit das möglich war - zusätzliche Kapazitäten einzusetzen. Auf die kommenden Wochenenden und Feiertage müssen sich alle gründlich vorbereiten und falls nötig das Angebot nachjustieren", sagte Hermann.

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Es sei allerdings klar, dass die Schieneninfrakstruktur begrenzt ist und auch kaum ungenutzte Züge zur Verfügung stehen, so der Verkehrsminister. "Wer dauerhaft will, dass mehr Menschen den klimaschonenden ÖPNV nutzen, muss für einen Ausbau der Infrastruktur und für zusätzliche Fahrzeuge sorgen", betonte er. Dafür benötige es mehr Mittel vom Bund. Es sei ein Fehler gewesen, dass die Bunderegierung sich gegen die Erhöhung der Regionalisierungsmittel entschieden habe.

Reisen mit dem 9-Euro-Ticket: So solle es reibungslos funktionieren

"Damit in den kommenden Wochen in Zügen und Bahnhöfen geordnete Verhältnisse gewährleistet sind, müssen Fahrpersonal und Fahrgäste kooperieren", sagte Hermann. Es sei unerlässlich, dass Fahrgäste sich auf die vorhandenen Züge verteilen und auch den Anweisungen des Personals vor Ort folge leisteten. Nur so könnten Verspätungen wegen des 9-Euro-Tickets vermieden werden.

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Beispielsweise können überfüllte Züge wegen einer automatischen in den Zügen verbauten Gewichtskontrolle nicht weiterfahren. Fahrgäste müssten daher zum Ausstieg gezwungen werden. Verspätungen beträfen auch weitere Folgezüge. Auf beliebten Strecken sei vor allem am Wochenende mit Überlastung zu rechnen. Auf das Fahrrad sollte bei solchen Strecken lieber verzichtet werden. Hermann forderte flexible Fahrgäste wie Seniorinnen und Senioren oder Schülerinnen und Schüler dazu auf, das 9-Euro-Ticket auch unter der Woche zu nutzen.

PRO BAHN fordert mehr Investitionen in Infrastruktur der Bahn

Der Fahrgastverband PRO BAHN erwartet dafür in den kommenden Tagen eine ruhigere Lage an den Bahnhöfen im Land. "Aber wir rechnen damit, dass der nächste Brückentag kommende Woche wieder ein harter Brocken für die Bahn und für Fahrgäste wird", sagte der PRO BAHN-Landesvorsitzende Joachim Barth am Dienstag. Er gehe davon aus, dass die Bahn auf die Erfahrungen der vergangenen Tage reagieren werde. "Aber viel wird sie nicht machen können. So eine Aktion braucht einfach mehr Vorlauf und die Bahn hat keine Reserven."

Viele Hauptstrecken seien bereits jetzt so überlastet, dass zusätzliche Züge auf den vollen Strecken gar nicht eingesetzt werden könnten. "Außerdem kostet das alles Geld, und es ist kein zusätzliches Personal da", sagte Barth. Es wäre nicht möglich gewesen, einfach doppelt so viele Züge einzusetzen, weil es für die drei Monate, in denen es das 9-Euro-Ticket gelte, gar nicht die notwendigen Kapazitäten gebe.

Sinnvoller wäre es gewesen, erst in die Infrastruktur zu investieren und dafür zu sorgen, dass eine Aktion wie das 9-Euro-Ticket reibungsloser abgewickelt werden kann. "Aber dennoch ist das Wochenende im Großen und Ganzen ein voller Erfolg gewesen. Es hat gezeigt, dass die Leute Bahn fahren wollen und dass die Bahn es im jetzigen Zustand nicht verkraftet."

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FDP: Bahn-Infrastruktur ist auf erhöhte Fahrgastzahlen nicht ausgelegt

Laut dem verkehrspolitischen Sprecher der FPD-Landtagsfraktion Baden-Württemberg, Christian Jung, sei vor allem die Deutsche Bahn "nur bedingt auf zusätzliche Kapazitäten im Nahverkehr und zu touristischen Zielen vorbereitet". Dies äußerte er in der Sendung "hr-Info" des Hessischen Rundfunks am Dienstag.

"An vielen touristischen Hotspots hat es sehr viele Ausflügler gegeben, die nicht sofort transportiert werden konnten. Die Bahn-Infrastruktur ist wegen ihres Zustandes nicht auf solche Kapazitätssteigerungen ausgelegt", sagte Jung. Ob das für drei Monate geplant 9-Euro-Ticket ab September für mehr Fahrgäste sorgt, hänge außerdem von der Qualität der Leistungen und Reformen im Nahverkehr wie dem Abbau von unübersichtlichen Verbundsgrenzen zusammen.

Nach Einschätzung des FDP-Politikers sei darüber hinaus über Pfingsten - aber auch schon davor - der Schienengüterverkehr in Deutschland zusammengebrochen. Dies würde dem Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg dauerhaft massiv schaden.

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 Bilanz zum Pfingstwochenende in Baden-Württemberg

Im Land fiel das Pfingstwochenende im Zusammenhang mit dem 9-Euro-Ticket durchwachsen aus. Am Bahnhof Ulm sorgte es vor allem für überfüllte Regionalzüge. Teilweise mussten Reisende auf den nächsten Zug warten, um an ihr Ziel zu kommen. Zu überfüllten Zügen kam es auch in der Region Bodensee und Oberschwaben vor allem am Pfingstmontag. Die Deutsche Bahn garantierte eine Mitfahrt auf ihrer Homepage nicht und kündigte auch Zugausfälle an.

Im Rhein-Neckar-Kreis lief der Bus- und Straßenbahnverkehr laut Rhein-Neckar-Verkehr GmbH weitgehend normal. Trotz des 9-Euro-Tickets habe man die Lage unter Kontrolle, so ein Sprecher gegenüber dem SWR. In Heilbronn wurde das 9-Euro-Ticket intensiv genutzt, wie Passantinnen und Passanten gegenüber dem SWR äußerten. Überfüllte Züge und Verkehrschaos blieben weitestgehend aus.

Mit dem 9-Euro-Ticket können Fahrgäste seit vergangenen Mittwoch einen Monat lang bundesweit den Nahverkehr nutzen. Tickets werden für Juni, Juli und August verkauft. Damit sollen Pendlerinnen und Pendler wegen der stark gestiegenen Energiekosten unterstützt werden.

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