picture alliancedpaAP | Richard Drew (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Gedenken an rund 3.000 Tote aus 92 Ländern

Terroranschlag am 11. September: So erlebten Menschen aus Baden-Württemberg 9/11

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Vor 20 Jahren starben fast 3.000 Menschen während der Terroranschläge am 11. September in den USA. Bilder, die auch Baden-Württembergerinnen und Baden-Württemberger nicht vergessen.

Am 11. September 2021 jährt sich ein Ereignis, das sich in das Gedächtnis der Menschen eingebrannt hat: Die islamistischen Anschläge auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in der Nähe von Washington D.C. in den USA. 20 Jahre ist es her, dass während der Terroranschläge rund 3.000 Menschen aus 92 Ländern ums Leben kamen. Die Bilder gingen um die Welt.

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Einstellung gegenüber Muslimen veränderte sich plötzlich

Die Anschläge in den USA veränderten das Leben nicht nur für die Menschen vor Ort, sondern auf der ganzen Welt - auch in Baden-Württemberg. Gökay Sofuoglu, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland und Baden-Württemberg, fuhr einen Tag später in Stuttgart mit der Bahn zur Arbeit. Ihm fiel damals auf, dass die anderen Fahrgäste sich ihm gegenüber anders verhielten als sonst. Vor allem sein Bart zog die Blicke auf sich, so sein Eindruck.

Gökay Sofuoglu (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
"Ich hatte damals einen längeren Bart und da habe ich gemerkt, dass sich die Leute nicht mehr zu mir hinsetzen oder dass die Leute aufstehen, wenn ich mich irgendwo hinsetze", sagte Gökay Sofuoglu dem SWR. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
"Als die Frau eines New Yorker Feuerwehrmanns mir sagte, in Wangen habe sie ihren Mann zum ersten Mal seit dem 11. September wieder lachen gehört, das war die schönste Bestätigung", sagte Manfred Wolfrum dem SWR. Bild in Detailansicht öffnen
"Insgesamt ist das deutsch-amerikanische Verhältnis nicht mehr das, was es vor dem 11. September gewesen ist", sagte der Mannheimer Historiker, Philipp Gassert, dem SWR. Universität Mannheim Bild in Detailansicht öffnen
"Es war absolutes Unglauben, dass das direkt vor unser aller Augen passiert. Dass auch die Türme in sich zusammenbrechen" sagte Uli Lang dem SWR. Bild in Detailansicht öffnen

Auch der Musiker Murat Coskun aus Freiburg bemerkte in den Tagen nach dem 11. September eine Veränderung. Bei seiner Arbeit mit anderen Künstlerinnen und Künstlern war seine Herkunft und sein Glaube nie ein Thema. Das änderte sich mit einem Mal. "Die Blicke waren nicht mehr so offen oder so freundlich. Ich habe gemerkt, die Leute sind plötzlich unsicher", erinnert sich Coskun. Von ähnlichen Erfahrungen berichten viele Menschen arabischer Herkunft.

Backnanger konnte nicht glauben, was da vor seinen Augen passierte

Ulrich Lang aus Backnang (Rems-Murr-Kreis) ist am 11. September 2001 schon früh in sein New Yorker Büro gegangen. Der heute 53-Jährige erhielt einen Anruf von einem Kollegen, der ihn über die Ereignisse informierte. Seit 1998 lebt der Backnanger in der amerikanischen Großstadt und pendelte immer zwischen seiner Heimat und den USA hin und her.

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Als der Parfümdesigner sich auf den Weg in seine Wohnung in Downtown machte, kamen ihm viele Geschäftsleute entgegen, die dem direkten Geschehen entfliehen wollten. "Es war absolutes Unglauben, dass das direkt vor unseren aller Augen passiert. Dass auch die Türme in sich zusammenbrechen" sagte Ulrich Lang dem SWR. Er erinnerte sich noch stark an das Gefühl von Angst und Panik.

"Diese Unsicherheit: Soll ich abwarten oder ist es besser nicht abzuwarten?"

Trotz dieses schlimmen Erlebnisses ist Lang in New York geblieben.

Deutsch-amerikanisches Institut in Tübingen als Ort der Unterstützung

Die Chefin des Deutsch-Amerikanischen Instituts (DAI) in Tübingen, Ute Bechdolf, erinnert sich ebenfalls genau an den Tag. Bis spät in die Nacht saß sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen vor dem Fernseher. "Wir waren fassungslos", sagte sie dem SWR. Insgeheim hofften sie, dass alles nur ein Fake wäre, doch "es war traurige Realität". Viele der Mitarbeitenden hatten Verwandte in New York. Am nächsten Tag wurden kurzfristig Veranstaltungen geplant. Das DAI wurde zum symbolischen Ort, um der Opfer des Terroranschlags zu Gedenken. "Vor der Tür waren tatsächlich Kränze, Kerzen. Wir haben dann ein Kondolenzbuch aufgelegt, für Leute, die nur ihre Trauer zum Ausdruck bringen wollten. Es war sehr viel Mitgefühl, Entsetzen und Angst, was dann käme", erinnerte sich Bechdolf. Vor allem war die Sorge groß darüber, welche Schritte die US-Amerikaner nun als nächstes in die Wege leiten würden.

Zusammenleben mit den Amerikanern veränderte sich

Philipp Gassert, Historiker an der Universität Mannheim, blickt auf das Ereignis vor 20 Jahren zurück. Damals waren die US-Amerikaner noch in der Kurpfalz, unter anderem auch das NATO-Hauptquartier in Heidelberg. Nach den Anschlägen kam es zu Einschließungen in den Kasernen. Es wurde mehr Aufwand um Sicherheit betrieben. "Die relative Offenheit der amerikanischen Wohnbezirke, das war endgültig vorüber", erinnerte sich Gassert. Es gab aber auch Solidaritätsbekundungen. Menschen strömten zu den Kasernen, es gab Gottesdienste und Veranstaltungen in Deutsch und Englisch.

Solidarität und seelischer Beistand im Allgäu

Um sich von dem Schock der Terroranschläge zu erholen, lud Feuerwehrmann Manfred Wolfrum seine US-amerikanischen Kolleginnen und Kollegen und deren Angehörige zu sich nach Wangen im Allgäu (Kreis Ravensburg) ein. Darunter waren auch Witwen getöteter Feuerwehrmänner. In den drei Jahren nach den Anschlägen in den USA besuchten ihn rund 80 US-Amerikanerinnen und -Amerikaner im Urlaubsort Wangen.

"Als die Frau eines New Yorker Feuerwehrmanns mir sagte, in Wangen habe sie ihren Mann zum ersten Mal seit dem 11. September wieder lachen gehört, das war die schönste Bestätigung."

Daraus sind Freundschaften entstanden. Wolfrum besitzt nun einen New Yorker Original-Feuerwehrhelm, den ihm seine Freunde aus Dankbarkeit geschenkt haben.

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SWR