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Wenn gesetzliche Diskriminierungen fallen, hören Betroffene danach oft: "Ihr habt doch jetzt alles, was wollt ihr noch?" Das war auch bei der eingetragenen Lebenspartnerschaft so, als sie vor 20 Jahren in Deutschland erlaubt wurde. Das seelische Leid wird dabei oft vergessen, sagt eine Betroffene.

Eine Regenbogenflagge weht im Wind - das Zeichen der LGBT-Community (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Wolfgang Kumm/dpa)
Die Autorin dieses Textes ist der Redaktion bekannt. Sie möchte jedoch anonym bleiben. picture alliance/Wolfgang Kumm/dpa

Ich war ein ganz normales Mädchen: Aufgewachsen in einem Dorf in Baden-Württemberg, geliebt von seiner Familie, begabt und mit besten Aussichten auf ein glückliches und erfülltes Leben. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich merkte, dass ich mein Leben an der Seite einer Frau verbringen will. Weil ich Frauen liebe. Von einem Moment auf den anderen sah ich mich einer großen Lebensperspektive beraubt: Ich kann nicht heiraten! Als ich mein Coming-out in den 1990er-Jahren hatte, erlaubte das die deutsche Gesetzgebung nicht.

"Das Leid, dieser Lebensperspektive beraubt zu sein, ist mir noch voll präsent."

Das Leid ist mir noch voll präsent. Damals dachte ich mir: Ich bin doch immer noch der gleiche Mensch, der ich als Jugendliche war, in den Hoffnungen gesetzt waren und der Hoffnungen hatte, auch wenn ich eine Frau liebe. Doch von einem Moment auf den anderen bin ich einer mir sehr wichtigen Lebensperspektive beraubt. Mir ist es in dieser deutschen Gesellschaft nicht erlaubt, den Menschen zu heiraten, den ich liebe. Was für eine Schmach: für mich und meine Familie gleich mit!

Als 2001 in Deutschland die eingetragene Lebenspartnerschaft möglich wurde, war das ein Meilenstein. Für mich und viele Homosexuelle auch in Baden-Württemberg ein Grund zu riesiger Freude, aber auch zu unbändiger Wut. Denn eingetragene Lebenspartnerschaft hieß eben nicht gleich Ehe: keine gleichen Rechte und auch keine gleiche Namensgebung.

Als ich mit meiner geliebten Frau die eingetragene Lebenspartnerschaft vor dem Standesamt einging, unterschied sich der Ritus damals durchaus von dem, was heterosexuellen Brautpaaren von Amts wegen geboten wurde. Die Standesbeamtin bemühte sich zwar um Feierlichkeit, aber "Lebenspartnerin" klingt in der Anrede einfach wesentlich unromantischer als "Ehefrau".

Erst 2017 kam die Ehe-Öffnung

Nach und nach wurden verpartnerten Lesben und Schwulen mehr Rechte eingeräumt - nach der Salamitaktik. Erst 2017 kam die "Ehe für alle", die es Homosexuellen in Deutschland seither erlaubt, tatsächlich zu heiraten. Auch meine bis dahin eingetragene Lebenspartnerin und ich haben nun endlich geheiratet und mussten dafür ein zweites Mal zum Standesamt. Was für eine Odyssee, um einfach nur als Eheleute zu gelten, wie all die verheirateten Menschen um uns herum auch.

Spätestens seit dieser Ehe-Öffnung heißt es: "Nun habt ihr doch alles, was ihr wollt, warum protestiert ihr am CSD noch?" Oh, allein für verheiratete Lesben fällt mir da sofort ein, dass nicht automatisch beide Mütter als Eltern gelten, wenn ein Kind in ihrer Ehe geboren wird. Das ist anders als bei heterosexuellen Paaren, wo auch bei Fremd-Samenspende der Ehemann einfach durch die Geburt Vater wird. Bei einem Lesben-Ehepaar muss die sogenannte Co-Mutter das Kind erst aufwändig und teuer adoptieren, ist dabei oft von der Willkür von Beamtinnen und Beamten abhängig.

Das Leid aussprechen und anerkennen

Sämtliche Benachteiligungen der LSBTTIQ-Community aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Und darum geht es mir hier auch nicht. Es geht einfach darum, einmal auszusprechen und anzuerkennen, wie viel Leid diese langjährige, nahezu mittelalterliche Gesetzgebung vielen Menschen bescherte und beschert. Wie viele Lebensperspektiven diese Umstände zerstörten, bevor sie möglich wurden. Und dass es Not tut, weiter gegen Diskriminierung anzukämpfen - auch in Baden-Württemberg.

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