„Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt ist alarmierend“ (Foto: Imago, CTK Photo)

Folge der Corona-Krise

"Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt ist alarmierend"

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Die Corona-Krise wirkt sich deutlich auf den Ausbildungsmarkt im Südwesten aus, zeigt eine SWR-Datenanalyse. Stark betroffen sind ausgerechnet auch die Berufsgruppen, in denen schon jetzt Fachkräfte fehlen.

Im Südwesten werden seit der Corona-Pandemie deutlich weniger Ausbildungsplätze angeboten. Das zeigen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, die SWR-Datenjournalisten ausgewertet haben. Demnach meldeten Betriebe in Baden-Württemberg von Oktober 2020 bis Ende April, also nach mehr als der Hälfte des laufenden Bewerbungsjahres, nur rund 63.000 Lehrstellen. Das sind etwa 9.000 weniger als im Vergleichszeitraum 2018/2019, also vor der Pandemie.

Damit wird etwa jeder achte Ausbildungsplatz in Baden-Württemberg derzeit erst einmal nicht mehr angeboten. In Rheinland-Pfalz ist es sogar etwa jeder siebte. Dort meldeten Betriebe bis Ende April nur rund 21.000 Lehrstellen, etwa 3.000 weniger als vor der Pandemie. Auch die Zahl der Bewerber ging im Südwesten im gleichen Zeitraum deutlich zurück.

Starke Rückgänge im Hotel- und Gaststättenbereich

Besonders starke Einbrüche gibt es demnach in beiden Bundesländern in der Tourismusbranche und im Hotel- und Gaststättenbereich. In Baden-Württemberg wurde dort bis April im Vergleich zu 2019 im Schnitt fast jede vierte Ausbildungsstelle nicht mehr angeboten, in Rheinland-Pfalz sogar mehr als jede dritte. Aber auch im Gesundheitsbereich und in großen Berufsgruppen des Handwerks, etwa in der Lebensmittelproduktion und in einigen technischen Berufen, wurden jeweils hunderte Ausbildungsplätze weniger gemeldet.

Bundesagentur für Arbeit: "Unsicherheit auf beiden Seiten"

Die Analyse des SWR zeigt, dass von dieser Entwicklung nicht nur der Südwesten, sondern alle Bundesländer betroffen sind – wenn auch unterschiedlich stark. Die Bundesagentur für Arbeit führt die Rückgänge bei den Ausbildungsstellen und den Bewerbern vor allem auf die Corona-Krise zurück. "Wir haben einfach eine deutliche Wirkung der Pandemie gehabt an dieser Stelle", sagt Heidrun Schulz, Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland.

"Auf dem Ausbildungsmarkt hat jegliche Möglichkeit des persönlichen Kennenlernens zum Beispiel über Praktika und persönlichen Austausch gefehlt."

Sowohl Unternehmen als auch junge Menschen seien verunsichert, weil die Pandemie Planungen erschwert habe. Das habe sich flächendeckend über alle Bereiche hinweg gezeigt. Zusätzlich zeige sich aber auch der Strukturwandel im Arbeitsmarkt, etwa durch die Digitalisierung einzelner Branchen. Dieser trage beispielsweise zu Rückgängen in Maschinenbauberufen bei, so Christian Rauch, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Baden-Württemberg bei der Bundesagentur.

"Einbrüche auf dem Ausbildungsmarkt sind außergewöhnlich hoch"

Für Arbeitsmarktexperten wie Professor Stefan Sell von der Hochschule Koblenz ist die Entwicklung alarmierend. "Das sind enorm starke Einbrüche auf dem Ausbildungsmarkt, die sind außergewöhnlich hoch." Sell befürchtet deshalb langfristige Folgen, sollten im neuen Ausbildungsjahr im Herbst entsprechend weniger junge Menschen eine Lehre beginnen. "Verluste in dieser Größenordnung konnten bislang nie wieder ausgeglichen werden." Das hätten vergangene Krisen gezeigt.

"Wir müssen leider damit rechnen, dass das Niveau an Ausbildungsstellen insgesamt deutlich niedriger bleiben wird als vor der Corona-Krise."

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Bewerbereinbruch in Berufen mit Fachkräftemangel

Besonders problematisch ist aus seiner Sicht, dass auch solche Berufsgruppen betroffen sind, in denen Betriebe schon jetzt überdurchschnittlich lange brauchen, um offene Stellen zu besetzen. Das ist ein Indiz dafür, dass in diesen Branchen schon jetzt Fachkräfte fehlen. Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung suchen im Südwesten beispielsweise Betriebe in Gesundheitsberufen aber auch im Bereich Mechatronik überdurchschnittlich lange nach Fachkräften. "In diesen Berufen haben wir schon vor Corona zu wenig ausgebildet", so Sell.

Die SWR-Datenanalye zeigt: Ausgerechnet in diesen Berufsgruppen gibt es jetzt auch noch deutliche Einbrüche bei den Bewerberzahlen. Mindestens jeder zehnte Bewerber ist dort im Vergleich zur Zeit vor Corona weggebrochen. Dort fehlen also nicht nur jetzt schon Fachkräfte, es kommen erst einmal auch weniger neue dazu. Für einige dieser Berufsgruppen werden allerdings in einigen Jahren weniger Fachkräfte gesucht werden, etwa in der Metallbranche, so die Prognose von Christian Rauch, von der Bundesagentur für Arbeit. "Der Arbeitsmarkt ist sehr dynamisch, die Fachkräfte von heute sind nicht unbedingt die Fachkräfte von morgen", so Rauch.

Sehen Sie hier das Interview mit Christian Rauch, Geschäftsführer bei der Agentur für Arbeit, Regionaldirektion Baden-Württemberg:

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Arbeitsmarktexperte Sell sieht die deutlichen Bewerberrückgänge in den Berufen mit Fachkräfteengpässen dennoch sehr kritisch.

"In einigen dieser Bereiche wie in den Gesundheitsberufen werden wir in erhebliche Mangelsituationen hineinlaufen."

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