STAND
REDAKTEUR/IN

Die Impfungen mit Astrazeneca werden auch in Deutschland vorübergehend ausgesetzt. Betroffen sind Erst- und Zweitimpfungen. Hintergrund sind neue Meldungen von Thrombosen. Gesundheitsminister Jens Spahn spricht von einer "reinen Vorsichtsmaßnahme".

Nach neuen Meldungen von Thrombosen der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung in Deutschland und Europa halte das Paul-Ehrlich-Institut weitere Untersuchungen für notwendig, teilte das Bundesgesundheitsministerium am Montag in Berlin mit. Deswegen setzt Deutschland die Corona-Schutzimpfungen mit dem Stoff von Astrazeneca vorerst aus. Betroffen sind laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) Erst- und Zweitimpfungen. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA will nun entscheiden, "ob und wie sich die neuen Erkenntnisse auf die Zulassung des Impfstoffes auswirken".
Zuvor hatten in Europa schon die Niederlande, Irland, Dänemark, Norwegen und Island den Einsatz des Vakzins ausgesetzt.

Das Paul-Ehrlich-Institut empfiehlt die vorübergehende Aussetzung der Impfung mit dem COVID-19-Impfstoff AstraZeneca. 👉 https://t.co/9OPlBoalqH https://t.co/Z6T9VGNXLV

Bisher sieben Fälle - Spahn spricht von "reiner Vorsichtsmaßnahme"

Spahn hatte die vorläufige Aussetzung der Corona-Schutzimpfungen mit dem Präparat von Astrazeneca als "reine Vorsichtsmaßnahme" bezeichnet. "Wir setzen aus, um zu überprüfen", sagte Spahn. Das Ergebnis der Überprüfung sei offen. "Bis jetzt gibt es sieben berichtete Fälle, die im Zusammenhang mit einer solchen Hirnvenenthrombose stehen bei mittlerweile über 1,6 Millionen Impfungen in Deutschland", sagte Spahn. "Es geht um ein sehr geringes Risiko - aber falls es tatsächlich im Zusammenhang mit der Impfung stehen sollte, um ein überdurchschnittliches Risiko." Noch am Morgen hieß es aus dem Ministerium, Deutschland werde das Vakzin trotz des Impfstopps in mehreren Ländern weiter verwenden.

Auch Frankreich, Italien und Spanien setzten die Impfungen mit Astrazeneca aus

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat angekündigt, dass Frankreich ebenfalls die Impfungen mit dem Astrazeneca-Vakzin aussetzen will. Dies gelte zunächst bis Dienstag gegen Mittag, dann werde eine Entscheidung der EMA erwartet.

Auch Italien hat nun die Verabreichung des Corona-Impfstoffes von Astrazeneca landesweit gestoppt. Das teilte die italienische Arzneimittel-Agentur Aifa mit. Die Verwendung werde vorsorglich und vorübergehend eingestellt, bis eine Entscheidung der Europäischen Arzneimittelbehörde vorliege, hieß es in einer Mitteilung weiter.

Als "Vorsichtsmaßnahme" werde der Impfstoff auch in Spanien für mindestens zwei Wochen nicht mehr eingesetzt, sagte Gesundheitsministerin Carolina Darias. Neben Spanien setzten am Montagabend auch Portugal, Slowenien und Lettland die Impfungen mit Astrazeneca aus.

EMA will am Donnerstag beraten

Die Europäische Arzneimittelbehörde will am Donnerstag über den Impfstoff von Astrazeneca beraten. In einer Mitteilung heißt es, es handle sich um eine sehr kleine Zahl von Personen. Die EMA sei weiter der Überzeugung, dass die Vorteile des Impfstoffs größer seien als das Risiko durch Nebenwirkungen.

WHO berät heute, bisher keine Hinweise auf ein Gesundheitsrisiko

Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beraten heute über den Impfstoff von Astrazeneca. An den Beratungen ist nach Angaben der WHO auch die europäische Arzneimittelbehörde EMA beteiligt. Bislang gibt es laut WHO keine Hinweise darauf, dass es eine Verbindung zwischen dem Vakzin und gesundheitlichen Beeinträchtigungen gebe, teilt WHO-Sprecher Christian Lindmeier mit. "Es ist wichtig, dass die Impfkampagnen fortgesetzt werden, um Leben zu retten."

Es sei normal bei so groß angelegten Impfkampagnen, dass Länder auf unerwünschte Nebenwirkungen hinwiesen. Dies bedeute aber nicht, dass sie auch tatsächlich durch den Impfstoff verursacht wurden. Sobald die WHO umfassende Erkenntnisse habe, werde die Öffentlichkeit ebenso darüber informiert wie über - derzeit eher unwahrscheinliche - Änderungen an den derzeitigen Empfehlungen. Am Dienstag will sich der Beratungsausschuss der WHO treffen, um über das weitere Vorgehen zu beraten.

In Großbritannien wird weiter mit Astrazeneca geimpft

Von den Impfstopps unbeeindruckt, impft man in Großbritannien weiter mit Astrazeneca. Die britische Regulierungsbehörde für Impfstoffe nehme zwar die Berichte über Nebenwirkungen ernst, bisher fehle aber der Beweis für einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Impfstoff und Thrombosen.
Aus London berichtet Thorben Ostermann:

Hersteller verteidigt seinen Impfstoff

Astrazeneca hat seinen Corona-Impfstoff verteidigt und ein erhöhtes Risiko von Blutgerinnseln zurückgewiesen. Man habe Sicherheitsdaten von mehr als 17 Millionen Menschen analysiert, die in der EU und in Großbritannien mit dem Mittel geimpft worden seien, teilte das Unternehmen mit. Demnach gebe es keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko einer Lungenembolie oder einer tiefen Venenthrombose.

Mehr zum Thema

Bis kommenden Montag Corona-Impfungen mit Astrazeneca auch in Baden-Württemberg abgesagt

Rückschlag für die Impfkampagne gegen das Coronavirus: In Baden-Württemberg werden alle Termine mit dem Impfstoff von Astrazeneca vorläufig abgesagt. Grund dafür ist eine Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts wegen möglicher Nebenwirkungen.  mehr...

Stopp von Astrazeneca-Impfungen Rheinland-Pfalz ersetzt Astrazeneca durch andere Impfstoffe

Die Aussetzung der Corona-Impfungen mit AstraZeneca soll in Rheinland-Pfalz mit anderen Impftstoffen aufgefangen werden. Die vergebenen Impftermine bleiben weitgehend bestehen.  mehr...

Kaiserslautern

Impfstopp für AstraZeneca Corona-Impfungen in der Westpfalz gehen weiter

Weil in Deutschland die Impfungen mit AstraZeneca ausgesetzt werden, standen in der Westpfalz 1.000 Impftermine auf der Kippe. Jetzt kann doch weiter geimpft werden.  mehr...

SWR Aktuell Rheinland-Pfalz SWR Fernsehen RP

STAND
REDAKTEUR/IN