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Antibiotika-Report Globales Desaster im Kampf gegen Keime?

Eine einfache bakterielle Infektion könnte bald zur tödlichen Gefahr werden, warnt die WHO. Tonnen von Antibiotika werden zu sorglos verschrieben. Es muss sich grundsätzlich etwas ändern.

diverse Tabletten

Patienten brauchen bessere Aufklärung: Antibiotika werden zu oft und falsch verordnet

Antibiotika werden zu sorglos verschrieben: In Deutschland bis zu 600 Tonnen jedes Jahr allein im ambulanten Bereich, also von niedergelassenen Ärzten, 1.700 Tonnen in der Tiermast. Dadurch gibt es immer mehr krank machende Keime, die sich nicht mehr mit Antibiotika bekämpfen lassen. Die Deutsche Angestellten Krankenkasse DAK hat umfassende Klinikdaten ausgewertet und jetzt ihren aktuellen Antibiotika-Report vorgestellt - Überschrift: "Eine Wunderwaffe wird stumpf". Die Ergebnisse dieses Reports:

Fataler Zusammenhang: Tiermast und Krankenhäuser

Schwein bekommt Kräuter statt Antibiotika

Mastbetriebe füttern Antibiotika

Resistente Bakterien bedrohen vor allem Krankenhaus-Patienten. Immer mehr Klinikpatienten tragen bereits resistente Keime in sich. Besonders auffällig ist der Zusammenhang zwischen Tiermastanlagen und nahegelegenen Krankenhäusern. Dort eingelieferte Patienten haben besonders häufig resistente Keime, die ursprünglich von Tieren stammen - in mehr als 30 Prozent der Fälle. Der Bundesdurchschnitt liegt bei zwei Prozent. Der Antibiotika-Report fordert etwa für Risikopatienten wie chronisch Pflegebedürftige und Kathederpatienten ein Screening auf Resistenzen schon vor Infektions-Symptomen.

Pharmafirmen forschen zu wenig

Außerdem würden nicht genügend neue Antibiotika entwickelt, weil das den Pharmaunternehmen zu wenig Geld bringt. Um die Überversorgung mit Antibiotika einzudämmen, sei zudem eine bessere Aufklärung nötig. Die meisten Menschen glauben, dass Infektionen von Bakterien ausgelöst werden und vier von zehn Menschen meinen, dass Antibiotika auch gegen Viren helfen - beides stimmt nicht. Auch Ärzte sollten sorgfältiger arbeiten. Laut Report verordnen sie Antibiotika zu oft und unbegründet.

Wie dramatisch ist die Lage, müssen wir uns tatsächlich Sorgen machen?

Krankenhaus-Personal in einer Klinik

Im Krankenhaus lauern gefährliche Keime

Man muss nicht gleich in Panik verfallen, aber die Situation ist schon beunruhigend. Laut Bundesgesundheitsministerium sterben allein in Deutschland jedes Jahr mindestens 15.000 Menschen, weil bei ihnen kein einziges Antibiotikum mehr wirkt – und weltweit sind solche resistenten Erreger immer mehr auf dem Vormarsch; unter anderem bei Tuberkulose.

Einen kleinen Erfolg hat vor einer Weile das Robert-Koch-Institut gemeldet: es sieht so aus, als seien die besonders tückischen MRSA-Keime in deutschen Krankenhäusern etwas seltener geworden. Gleichzeitig finden sich aber immer häufiger bestimmte bösartige Darmbakterien; und wenn die sich durch Hygienemängel in einer Klinik verbreiten, kann das zu Lungenentzündungen oder bei Patienten mit offenen Wunden zu einer lebensgefährlichen Blutvergiftung führen.

Woran liegt es, dass immer mehr Antibiotika versagen?

Antibiotika-resistente Keime

Antibiotika gezielt einsetzen

Das hat eine ganze Reihe von Ursachen - mit die wichtigste ist, dass immer noch zu viele und oft auch die falschen Antibiotika verordnet werden. Besonders beliebt sind Breitband-Antibiotika, die gegen eine Vielzahl von Erregern wirken. Viel besser wäre es, erst zu testen, welchen Keim der Patient tatsächlich hat und dann ein gezielt wirkendes Mittel zu wählen; so können sich nicht so schnell Resistenzen entwickeln. Das kostet aber Zeit und Geld und passiert auch im Krankenhaus zu selten.

Ein weiteres Riesenproblem ist die massenhafte Gabe von Antibiotika in der Tiermast. Fatalerweise kommen hier immer häufiger auch Notfall-Antibiotika für den Menschen zum Einsatz; das fördert gefährliche Resistenzen.

Wie könnte ein Ausweg aussehen? Brauchen wir neue Medikamente?

Produktionsstätten von Boehringer Ingelheim.

Keine Gewinnaussichten für die Pharmaindustrie

Neue Medikamente sind natürlich ein möglicher Ausweg - bei Antibiotika ist seit Jahren keine neue Wirkstoffklasse mehr auf den Markt gekommen. Erst seit kurzem hat die Pharmaindustrie überhaupt wieder angefangen, intensiv an neuen Mitteln zu forschen; lange Zeit schien das einfach nicht lukrativ zu sein. Aber wenn wir so weitermachen wie bisher, bleiben auch neue Mittel nicht lange wirksam – es muss sich also grundsätzlich etwas ändern.

Es geht auch anders:

In den Niederlanden und Skandinavien zum Beispiel bekommen Menschen und Tiere schon lange viel seltener Antibiotika als bei uns, dort finden sich auch viel seltener resistente Erreger. Seit einer Weile setzen Wissenschaftler auch noch auf einen ganz anderen Ansatz: statt Antibiotika kann man viele Infektionen nämlich auch mit Bakteriophagen bekämpfen, das sind bakterienfressende Viren. Dazu gibt es bisher aber kaum größere Studien, da ist noch viel weitere Forschung nötig.

Online: Heidi Keller