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Anschläge in Brüssel "Perfide Strategie des Terrorismus"

Explosionen am Flughafen und in der Metro von Brüssel. Es hat viele Tote gegeben. Eine erste Analyse von SWR-Terrorismusexperte Holger Schmidt.

Passengers are evacuated from the terminal building after explosions at Brussels Airport in Zaventem near Brussels, Belgium, 22 March 2016.

Passagiere am Flughafen in Brüssel werden evakuiert.

Der belgische Premierminister Charles Michel hat bestätigt, dass es sich bei den Explosionen am Flughafen und in der Metro von Brüssel um Terroranschläge gehandelt hat. Der SWR-Terrorismusexperte Holger Schmidt sagt: "Das ist für die belgischen Ermittlungsbehörden nach den ohnehin schon schwierigen Wochen das absolute Debakel. Deutlicher kann man es nicht sagen.

Anschlag Brüssel

Der Terrorverdächtige Salah Abdeslam wird verhaftet.

Schon nach der Festnahme des mutmaßlichen Paris-Attentäters Salah Abdeslam vergangene Woche war es alles andere als ein Fahndungserfolg, wenn man mehr als vier Monate braucht, um den meistgesuchtesten Terroristen in einer Metropole wie Brüssel zu finden. Zumal man das Stadtviertel kennt, in dem er wohnt. Schon da wurde offenkundig, dass die belgischen Sicherheitsbehörden ihre Islamistenszene überhaupt nicht im Griff haben."

Weiter betont Schmidt im SWR: "Dass nun Anschläge dieses Ausmaßes möglich waren, zeigt umso mehr, wie machtlos die Sicherheitsbehörden in Belgien sind. Islamistische Terroristen sagen seit langer Zeit, das Beste was man bei einem Anschlag machen kann, ist an unterschiedlichen Stellen in einer Stadt gleichzeitig zuschlagen. So erzeugt man am meisten Angst und Schrecken."

Steckt hinter den Anschlägen der sogenannte Islamische Staat?

ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt im Interview

Terrorismusexperte Holger Schmidt

"Da muss man vorsichtig sein", sagt Schmidt. "Es spricht allerdings ganz viel dafür, dass der IS dahintersteht. Wir wissen, dass es seit den Anschlägen von Paris im November 2015 Razzien gegeben hat und man immer wieder Terrorverdächtige in Brüssel gefunden hat. Und wir wissen, dass Brüssel in den vergangenen Jahren immer wieder ein beliebter Ort für islamistische Terroristen war, um sich dort zu verstecken und Anschläge zu planen.

Deshalb spricht einiges dafür, aber dennoch kann man derzeit nicht ausschließen, dass dies auch die Tat einer anderen Terrorgruppe sein kann. Ich bin immer dafür, da abzuwarten und nicht zu schnell nach einem Schuldigen zu schreien."

Flughafen Brüssel

Rauch steigt aus dem Flughafen Brüssel.

Welche Auswirkungen haben die Anschläge auf die Sicherheitslage in Deutschland? "Erst einmal hat es keine Auswirkungen", meint unser Terrorismus-Experte. "Das klingt vielleicht komisch, aber die Sicherheitsbehörden sind seit Jahren in einer hohen Alarmbereitschaft und rechnen damit, dass so etwas auch in Deutschland passieren könnte.

Durch die Ereignisse in Brüssel ist ein Anschlag nicht wahrscheinlicher geworden. Auch die 'konkrete' Gefahr ist nicht größer geworden - denn für eine konkrete Gefahr bräuchte es auch konkrete Hinweise, wer, wann, was wo planen könnte.

Aber es bedeutet, die Bedrohungslage in Deutschland ist hoch. Es ist eigentlich weniger die Frage, ob das auch in Deutschland passiert, sondern eher die Frage wann."

Aber was kann man nun tun? "Genau diese Unsicherheit wollen die Terroristen erreichen", so Schmidt. "Das ist die Strategie des Terrorismus. Eine möglichst große Gelassenheit und eine ausgeruhte Betrachtung, dessen was passiert - so seltsam sich das in Anbetracht der schrecklichen Bilder anhört - ist beste Art, sich gegen diesen Terror zu wappnen. Man darf sich nicht darauf einlassen, diese Gewaltspirale mitzumachen und in Panik zu verfallen."

Wie wehrlos ist unsere Gesellschaft? "Gegen diese Art des Terrorismus gibt es keinen 100-prozentigen Schutz", betont Schmidt. "Das muss man ganz klar und nüchtern so sehen. Die Strategie der Selbstmordattentäter ist so perfide, die ist für den entschlossenen Attentäter relativ leicht umzusetzen., dass man sich schwer bis gar nicht dagegen schützen kann.

Deshalb spricht man im Militärjargon fast schon zynisch von den 'weichen Zielen', der leicht verletzlichen Zivilbevölkerung. Da hilft es im Grunde nur, sich klarzumachen, dass man die 100-prozentige Sicherheit nicht haben wird und vielleicht auch nicht haben sollte, denn je mehr Sicherheitsaufwand betrieben wird, desto mehr werden wir die freie Gesellschaft hin zu einer Sicherheitsgesellschaft verändern."

Online: Peter Mühlfeit

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