Martin Rupps (Foto: SWR, SWR/Kristina Schäfer)

Festakt mit Flutopfern und Merkel-Besuch. Ein Kommentar

Es wird stiller im Ahrtal

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Am Mittwoch ein Festakt am Nürburgring, am Freitag die Bundeskanzlerin im Ahrtal: Wenn Politiker und Journalisten weg sind, beginnt für die Betroffenen eine schwierige Zeit, meint Martin Rupps.

Am Mittwoch und Freitag erfährt die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal noch einmal – vielleicht das letzte Mal - bundesweit Aufmerksamkeit. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) will am Mittwochabend bei einem Festakt am Nürburgring sprechen, Bundeskanzlerin Angela Merkel kündigte für Freitag an, ein zweites Mal ins Ahrtal zu kommen. Gleichzeitig beginnt der erste Schwung an Hilfsbereitschaft zu erlahmen. Mit jeder neuen Woche nutzen 300 Helferinnen und Helfer weniger die diversen Shuttle-Busse. Die Bundeswehr stuft ihren Einsatz von der sofortigen Katastrophenhilfe zur "Amtshilfe" herab. Was heißt: Keine Hilfe in der Fläche mehr, sondern punktuell und zielgerichtet.

In den Flutgebieten wird es in den kommenden Wochen still, dunkel und kalt (Foto: dpa Bildfunk, picture-alliance/dpa/Thomas Frey)
In den Flutgebieten wird es in den kommenden Wochen still, dunkel und kalt picture-alliance/dpa/Thomas Frey

Diese zweite Phase tritt früher oder später bei jeder Katastrophe ein. Das ist gut und schlecht zugleich. Die Betroffenen können im Lauf der Zeit neue, gute Erfahrungen über die traumatischen legen, können "positive Bilder in den Kopf bekommen", wie es ein Notfallseelsorger im SWR Gespräch formuliert. Zugleich werden die kommenden Wochen und Monate im Ahrtal still, kalt und dunkel, auch im ganz wörtlichen Sinn.

Hinterbliebene der Germanwings-Katastrophe, bei der ein Co-Pilot während des Flugs Suizid beging und 149 Passagiere mit in den Tod riss, haben mir ebenfalls von Trauerfeiern mit großem Tamtam und Besuchen der Bundeskanzlerin erzählt. Richtig schwer geworden sei das Leben erst hinterher. Wenn immer weniger Menschen kommen, um Anteil am seelischen Leid von Betroffenen zu nehmen. Und immer weniger Menschen – zuletzt nicht einmal Verwandte und Freunde – mit ihnen über das traumatische Ereignis sprechen wollen.

Nicht an der Hilfsbereitschaft in den Wochen nach der Flutkatastrophe bemisst sich für mich, ob es in diesem Land warm oder kalt zugeht. Auch nicht an den hohen Spendengeldern und der großzügigen Entschädigung, die Bund und Länder locker machen. Gerade jetzt kommt es darauf an – und ich möchte dazu einen Beitrag leisten –, dass weiterhin Menschen ins Ahrtal kommen. Ganz gleich, ob mit oder ohne Schippe in der Hand.

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