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Agrobiodiversität Warum Einkorn und Glanrinder so wichtig sind

In den letzten hundert Jahren sind weltweit drei Viertel der Arten und Sorten verloren gegangen. Dabei bringen alte Sorten mehr Vielfalt - auf dem Acker, im Einkaufskorb und auf unseren Tellern.

Jona Gold, Elstar, Braeburn - das ist in etwa das, was man im Supermarkt in der Obstabteilung an gängigen Apfelsorten sieht, im Schnitt so vier bis fünf verschiedene Arten. Wenn man bedenkt, dass es in Deutschland allein schon mehrere hundert verschiedene Apfelsorten gibt, scheint das doch recht wenig, was uns da angeboten wird.

Beim ersten bundesweiten Agro-Biodiversitätsgipfel in Bruchsal geht es um den "Mehrwert" von alten Arten.

Von nur rund 30 Pflanzenarten ernährt sich heute die Weltbevölkerung, obwohl sie mindestens 7000 nutzen könnte. Die Welternährungsorganisation FAO hat festgehalten, dass in den letzten hundert Jahren weltweit drei Viertel der Arten und Sorten verloren gegangen sind. Auf den Acker kommen meist nur noch einige wenige hochgezüchtete Sorten, die schnell und ertragreich wachsen.

Die Bodenqualität leidet unter der Sortenarmut

Ein Kartoffelbauer versprüht ein Mittel gegen Pestizide.

Pestizide mit weitreichenden Folgen

Benedikt Härlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft warnt vor dieser Einschränkung: "Wir haben einfach eine Konzentration auf ganz wenige Sorten und dafür zahlen wir den Preis, dass das schlecht ist für die Bodenfruchtbarkeit - dafür zahlen wir den Preis, dass mehr Pestizide eingesetzt werden müssen - dafür zahlen wir einen hohen Preis."





Nicht nur Hochleistungs-Weizen, sondern Emmer und Einkorn

Die Vielfalt bei Nutztieren und -pflanzen, die es einmal gab, sollte erhalten werden. Agrobiodiversität meint: Vielfalt auf dem Acker, im Stall und letztlich auf unseren Tellern. Dann baut der Landwirt nicht nur noch Hochleistungs-Weizen für unser täglich Brot an, sondern auch Roggen, Dinkel - oder, wie Friedrich Longin es zu Forschungszwecken an der Universität Hohenheim in Stuttgart macht: alte Getreidesorten wie Emmer oder Einkorn.

Einkorn - alte Getreidesorten sind aromatisch und gehaltvoll

Einkorn - alte Getreidesorten sind aromatisch und gehaltvoll

"Die sind sehr alt, haben sehr langes Stroh und bei Starkregen besteht die Gefahr, dass sie umkippen - allerdings braucht man wenig Nährstoffe, wenig Fungizide und Spritzmittel. Sie lassen sich auch auf kargen Böden gut produzieren, lockern die Fruchtfolge auf, haben somit auch einige Vorteile für den Landwirt. Allerdings ist der Ertrag geringer als beim Brotweizen. Deswegen muss der Landwirt auch einen höheren Preis dafür erzielen."

Mehr Geschmack und Vitamine in alten Sorten

Mit Urgetreide fährt der Bauer zwar bei der Ernte deutlich weniger ein. Die Lebensmittel-Technologin Linda Ringer, die seine Backqualität testet, findet aber klare Pluspunkte. "Die Vielfalt und der Geschmack. Und wenn man an Einkorn denkt, da ist sehr viel Magnesium und Zink drin und die roten Farbpigmente, die sind Vorstufen für bestimmte Vitamine - also sehr, sehr gesund. Und vor allem der Geschmack."

Alte Sorten sind meistens regional angepasst - an den speziellen Boden, das lokale Klima. Sie sind deshalb besonders widerstandsfähig. Die Alb Leisa - die Schwäbische Linsensorte - gedeiht eben ideal auf den kargen Böden der Schwäbischen Alb.

Glanrind und Alb Leisa schonen die Umwelt

Glanrinder Neumühle

Glanrinder waren einst vom Aussterben bedroht

Das Vorwerkhuhn lässt sich für Eier und Fleisch nutzen. Das genügsame Glanrind passt prima auf rheinland-pfälzische Weiden. Das Schwäbisch-Hällische Landschwein - alles alte Nutztierarten, nichts für die industrielle Legebatterie oder den Turboschweinemäster. Sie waren deshalb lange in Vergessenheit geraten. Erst durch den Verkauf von Qualitätsfleisch wurde etwa das Landschwein wieder interessant.

Mit den alten Nutztier- und -pflanzenarten lässt sich nicht das große Geschäft machen, aber der Geschmack verbessern und die Umwelt schonen. Um sie zu erhalten, müssen sie allerdings weiter gesät und genutzt werden.

Wo finden Verbraucher noch alte Sorten?

Es gibt keine Kennzeichnungspflicht für Sortennamen. Das wird zwar bei Äpfeln und Kartoffeln noch gemacht, aber schon bei der Möhre - Fehlanzeige. Viele Sorten werden wegen der geringen Nachfrage kaum noch angebaut. Verbraucher sollten sich nach alten Sorten umschauen auf Wochenmärkten, bei Direktvermarktern nachfragen oder in Bioläden. Hobbygärtner können vieles selbst anbauen. Es gibt Vereine, die altes Saatgut erhalten – Möhren, die nach Möhre schmecken, Radieschen, die noch richtig scharf sind. Oder man kann Pate für einen Baum auf einer Streuobstwiese mit alten Sorten werden.

Online: Heidi Keller