Krankenhaus Bertelsmann-Studie (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Holger Hollemann/dpa)

Studie der Bertelsmann Stiftung Bessere medizinische Versorgung, wenn jedes zweite Krankenhaus schließt

Deutlich weniger Kliniken, dafür mehr Spezialisierung und besser ausgestattete Krankenhäuser - das fordern Experten in einer Studie für die Bertelsmann Stiftung. Die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland müsse gravierend reduziert werden.

Jede dritte Klinik in Deutschland hat laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft 2017 rote Zahlen geschrieben. Die Bertelsmann Stiftung meldet sich in einer Untersuchung mit einem radikalen Vorschlag zu Wort: Jedes zweite Krankenhaus in Deutschland sollte geschlossen werden – dadurch werde auch die medizinische Versorgung besser.

"Nur große Kliniken haben genügend Erfahrung"

Die Autoren der Studie betonen: "Nur Kliniken mit größeren Fachabteilungen und mehr Patienten haben genügend Erfahrung für eine sichere Behandlung." Viele Komplikationen und Todesfälle ließen sich durch eine Bündelung von Ärzten, Pflegepersonal sowie Geräten in weniger Krankenhäusern vermeiden.

In Deutschland gibt es derzeit 1.400 Krankenhäuser. Das Land benötige laut der Studie aber nur 600. Vor allem in deutschen Großstädten gebe es ein Überangebot, so Jan Böcken von der Bertelsmann Stiftung.

Oft keine hinreichende technische Ausstattung

Kleine Einrichtungen würden außerdem häufig nicht über die nötige technische Ausstattung verfügen, um lebensbedrohliche Notfälle angemessen behandeln zu können. Gesundheitsökonom Reinhard Busse hat ebenfalls an der Studie mitgearbeitet – und sieht genau diesen Punkt kritisch:

Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, hält dagegen: In medizinisch besonders anspruchsvollen Bereichen finde die Zentralisierung bereits statt. Kliniken in der Fläche würden trotzdem gebraucht.

"Der zentralste Qualitätsmaßstab eines Gesundheitswesens ist Zugang zu Versorgung. Wir haben das überwiegende Leistungsspektrum in unseren Krankenhäusern in der Grundversorgung: Grippepatienten, Lungenentzündungen, einfache Knochenbrüche."

Georg Baum, Hauptgeschäftsführer Deutsche Krankenhausgesellschaft

Im Notfall lange Strecken zum Krankenhaus?

Deutlich weniger Krankenhäuser – ist das wirklich die Lösung des Problems? Immer wieder gab es in der Vergangenheit Berichte über eine schlechte Infrastruktur bei der medizinischen Versorgung. Die "Badischen Neuesten Nachrichten" berichteten beispielsweise im Oktober 2018 gleich von mehreren Fällen: Ein Herzinfarktpatient starb, weil sich keine geeignete Klinik fand, eine werdende Mutter erlebte auf der Suche nach einem Krankenhausplatz im Rettungswagen zwischen Baden-Baden, Offenburg und Karlsruhe eine Odysee.

Norbert Roeder, Medizinischer Geschäftsführer des Klinikums Mittelbaden erklärte gegenüber der Zeitung, diese lebensbedrohlichen Situationen entstünden durch bundesweite Engpässe in der Intensivmedizin. Kliniken würden ihre Intensivstationen bei Rettungsleitstellen abmelden – auch wegen personeller Engpässe.

Qualität vor Nähe

Die Bertelsmann-Studie sieht allerdings in der schnellen Erreichbarkeit eines kleinen Krankenhauses nur einen vermeintlichen Vorteil. Denn: Wenn dort kein Facharzt verfügbar sei, habe die Klinik einen gravierenden Qualitätsnachteil. Es bräuchte vielmehr eine gesicherte Notfallversorgung, eine Facharztbereitschaft rund um die Uhr, ausreichend Erfahrung und Routine des medizinischen Personals und eine angemessene technische Ausstattung. Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, sagt dazu:

"Wenn ein Schlaganfallpatient die nächstgelegene Klinik nach 30 Minuten erreicht, dort aber keinen entsprechend qualifizierten Arzt und nicht die medizinisch notwendige Fachabteilung vorfindet, wäre er sicher lieber ein paar Minuten länger zu einer gut ausgestatteten Klinik gefahren worden."

Brigitte Mohn, Bertelsmann Stiftung

Würden die Standorte gut gewählt, dann würde sich die Anfahrt laut der Studie nicht signifikant erhöhen. Besser als eine Klinik, die nur schlecht versorgen kann, sei zum Beispiel die Anschaffung eines Hubschraubers, der die Menschen im Notfall schnell dorthin bringen könnte, wo sie gut versorgt werden können.

Zudem kommen in Deutschland zu viele Menschen ins Krankenhaus, so die Wissenschaftler. Etwa fünf Millionen Patienten pro Jahr könnten demnach auch ambulant behandelt oder operiert werden. Die sogenannten Bettentage pro Einwohner in Deutschland liegt um 70 Prozent über dem Durchschnitt in vergleichbaren EU-Ländern.

REDAKTION
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