Kabelsalat (Foto: dpa Bildfunk)

SWR-Kommentar der Woche "Soziale Medien sind wie Autofahren: Man kann, muss aber nicht"

AUTOR/IN

Ein junger Hacker hat private Daten, vor allem von Poltikern, öffentlich gemacht - offenbar aus Ärger. Die Aktion hat eine neuerliche Diskussion über den Sinn und Unsinn sozialer Medien befeuert. Unser Hauptstadt-Korrespondent Uwe Lueb kommentiert.

Regierungssprecher Steffen Seibert ist auch so einer: Er twittert was das Zeug hält. Mehr oder weniger Wichtiges - aber alles über seine Chefin, Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Das hat unbestritten viele Vorteile. Wenn die Kanzlerin etwas mitzuteilen hat, knattert nicht mehr wie früher ein Nadeldrucker auf sprödes Papier in verstaubten Redaktionsstuben. Stattdessen bekommen alle - und nicht nur ein paar Journalisten - die Infos auf ihren Computer oder ihr Smartphone.

Wer will kann mitlesen, wo die Kanzlerin gerade ist, wem sie was sagt und sich auch noch ein Foto oder sogar Video anschauen - zum Beispiel von ihrem Besuch bei Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras.

Ungewollte Transparenz

Viel mehr Transparenz geht nicht - gewollte Transparenz. Mit der ungewollten Transparenz ist das anders. Das hat uns der jüngste so genannte Doxing-Fall gezeigt. Da stellt ein fraglos computerbegabter junger Mann große Mengen persönlicher Daten und Fotos ins Internet - von Promis und Journalisten, vor allem aber Politikern. Das sind die Nachteile dieser Medien.

Mit voller Wucht haben diese etwa Grünen-Chef Robert Habeck getroffen. Auch deswegen hat er sich von sozialen Medien verabschiedet. Und weil er sich überfordert fühlt von Tempo und Ton dieser Medien. Er habe sich davon zu unüberlegten Äußerungen hinreißen lassen.

Politik ohne soziale Medien?

Stellt sich die Frage: Geht Politik heutzutage überhaupt noch ohne soziale Medien wie Facebook und Twitter? Die Frage lässt sich nicht mit einem klaren Ja oder Nein beantworten. Es kommt auf einen Versuch an.

Die Gründe, sich darauf einzulassen, sind vielfältig. Aus den USA wissen wir, dass Wahlkämpfe, und damit mutmaßlich auch Wahlergebnisse, beeinflussbar sind durch soziale Medien.

Betroffene des Hackerangriffs (Foto: picture-alliance / dpa)
Viele Politiker und Prominente waren von dem Hacker-Angriff betroffen

Wir haben von "Bots" gehört - eine Art Nutzerroboter, anhand dessen man eine - natürlich anonyme - Schimpf-Tirade zum Beispiel auf bestimmte Twitter-Nachrichten auslösen kann.

Nicht nur Fotos, längst lassen sich auch Filme so fälschen, dass man es kaum erkennen kann. Durch fortschreitende Entwicklung von Computertechnik und Künstlicher Intelligenz kann es noch dicker kommen.

Trump schimpft nach Lust und Laune per Twitter

Dabei lässt sich mit echten Kommentaren schon viel anrichten. US-Präsident Donald Trump etwa erzeugt mit seinen vielen Twitternachrichten regelrecht eine Gegenöffentlichkeit. Er bezichtigt nach Lust und Laune der Lüge und beschimpft politische Gegner wie seriöse Medien gleichermaßen.

Richtigstellungen und ernst zu nehmende Rechercheergebnisse ebenso öffentlichkeitswirksam dagegenzusetzen, ist fraglos schwieriger. Vor diesem Hintergrund stellt sich drängender denn je die Frage nach dem Nutzen sozialer Medien in der Politik.

Authentische Information ist wichtig

Mag sein, dass sich Wählerinnen und Wähler so leichter beeinflussen und klassische Medien leichter täuschen lassen. Zumindest im Interesse der Wählerinnen und Wähler kann das nicht sein. Für sie ist authentische Information wichtig, also echte, im Zweifel überprüfbare.

Sicher - nicht jeder kann mal eben zur Abgeordnetensprechstunde im Wahlkreisbüro seines Bundestagsabgeordneten vorbeischauen - und auch umgekehrt schafft kein Politiker Tausende Einzelgespräche. Aber warum nicht auch mal ein Parteiprogramm lesen, eine politische Veranstaltung besuchen, warum nicht mal Abgeordnete in der Fußgängerzone ansprechen?

Auch über den direkten Kontakt hinaus gibt es gute Möglichkeiten der Meinungsbildung - auch wenn sie in sozialen Medien oft bespöttelt und kritisiert werden: Talk-Shows im Fernsehen sowie Diskussionssendungen und Interviews im Radio. Da wird vielleicht gelogen, aber fälschen lässt sich da nichts.

Digitales Entschlacken

Alles altmodisch - na und? Es mag sogar rückschrittlich scheinen - ist es aber nicht. Ebenso, wie ein Politiker, der sich Twitter und Facebook verweigert, alles andere als rückschrittlich ist. Letztlich ist es wie beim Autofahren: man kann - muss aber nicht. Und wer es mal eine Zeitlang nicht getan hat, merkt, dass es oft auch ohne geht. Was für die Umwelt sowieso besser ist.

Apropos Auto: Vor Jahrzehnten gab es mal so etwas wie einen autofreien Sonntag. Wie wärs mal mit einem Facebook- und Twitter-freien Montag wenigstens zum zeitweisen digitalen Entschlacken?

AUTOR/IN
STAND
REDAKTION