Pendeln im Südwesten | Interview Weniger Stress dank Home-Office & Co

Viele Berufstätige sind jeden Tag mit Auto, Bus oder Bahn unterwegs. Das kann körperlich und psychisch stressen. Manche Firmen machen es ihren Mitarbeitern leichter.

Autoschlangen im Berufsverkehr (Foto: picture-alliance / dpa, SWR, Sven Hoppe)
Die meisten Berufspendler fahren Auto Sven Hoppe

Jutta Rump ist selbst Berufspendlerin, und als Professorin an der Hochschule Ludwigshafen beschäftigt sie sich mit Arbeitsorganisation und Personalmanagement. SWR-Moderatorin Dagmar Freudenreich hat mit ihr gesprochen.

Genervte, gestresste Mitarbeiter mag kein Arbeitgeber, aber interessieren die sich genug dafür, dass viele ihrer Leute Energie und Lebenszeit auf der Autobahn verschwenden?

Wir beobachten seit einiger Zeit, dass das mehr und mehr in das Interesse eines Arbeitgebers rückt, weil man natürlich merkt, dass die Menschen gestresst sind. Und der Verkehr ist auch nicht weniger geworden. Wir stehen deutlich mehr im Stau als vorher und die Länge des Pendelns hat deutlich zugenommen. Man merkt es tatsächlich an der Motivation und letztendlich an der Gemütslage der Mitarbeiter, und das ist ein wichtiges Thema für Unternehmen.

Montags eine Stunde später kommen oder Home-Office würde vielen Pendlern schon helfen. Wie offen sind Chefs oder Chefinnen, wenn man sagt, ich würde das gerne anders organisieren?

Grafik zum Pendlerverhalten in Baden-Württemberg (Foto: picture-alliance / dpa, SWR, mindline media GmbH Berlin)
Aus der SWR-Umfrage zum Pendlerverhalten in Baden-Württemberg mindline media GmbH Berlin

Im Moment haben wir flexible Arbeitszeiten und die mobile Arbeit, also das Home-Office, vor allen Dingen im Zusammenhang mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie eingeführt.

Wir sehen eine Verbesserung, dass Arbeitgeber genau diese Modelle anbieten, damit Menschen ein stückweit souveräner mit ihrer Zeit umgehen und deswegen dann auch Zeitfenster wählen, die nicht staugefährdet sind - oder vielleicht den Freitag oder  Montagmorgen im Home-Office verbringen. Das hilft ungemein, und wir sehen, dass Arbeitgeber zunehmend diese Lebenssituation als sehr relevant betrachten.

Für Handwerksbetriebe zum Beispiel aber ist das nicht so einfach: Es kommt vielleicht nicht so gut an, wenn man Termine erst um 10 Uhr erledigt, oder sehen Sie auch dafür Lösungen?

Jutta Rump  (Foto: picture-alliance / dpa, Herbert Pfarrhofer)
Jutta Rump (Archivbild) Herbert Pfarrhofer

Wir haben eine zweigeteilte Welt: All diejenigen, die am Schreibtisch sitzen, haben genau diese Möglichkeiten, ohne ihre Arbeitszeit nennenswert zu reduzieren und damit einen Gehaltsverlust zu haben. Wenn wir uns das Handwerk anschauen, die Produktion oder ein Krankenhaus mit Schichtplangestaltung, dann ist das schon anders. Da muss ein Unternehmen schon ein stückweit kreativer sein.

Aber man muss ganz klar sagen, dass zum Beispiel Handwerksbetrieben oder auch Krankenhäusern an der ein oder anderen Stelle deutlich mehr die Hände gebunden sind als das in einer Bank oder Behörde der Fall ist.

Arbeitspsychologen sagen, es mache einen Unterschied, ob ich freiwillig pendle, weil ich zum Beispiel will, dass meine Familie im Grünen wohnt oder ob ich pendeln muss, weil meine Firma mich an einem anderen Standort braucht. Kann man sich, wenn die Motivation stimmt, das Pendeln besser in den Alltag organisieren?

Ich glaube kurz- und mittelfristig ist das sicherlich der Fall, weil wenn ich das selbstbestimmt mache, dann habe ich eine ganz andere Grundbasis und Motivation, es zu tun. Langfristig gesehen ist es dennoch belastend für den Körper und die mentale Verfassung.

Was man allerdings auch feststellt, ist, dass wir zunehmend Beschäftigte haben, die aufgrund der steigenden Lebenshaltungskosten gerade in den Ballungsgebieten nicht wählen können, ob sie pendeln oder nicht. Viele müssen nach draußen ziehen, weil sie sich die Mieten innerhalb der Städte nicht mehr leisten können. Das heißt, ich pendle und ich tue es eigentlich nicht aus freien Stücken heraus, sondern aus der Not heraus.

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Biggi Hoffmann
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