Der Campingplatz in Lügde wird von Ermittlern durchsucht (Foto: dpa Bildfunk)

Missbrauchsfälle in Lügde Verschwundene Beweisstücke - jetzt sind Sonderermittler dran

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Es geht um vielfachen und wahrscheinlich jahrelangen sexuellen Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde. Jetzt sind Beweisstücke von der Polizei verschwunden.

Es ist der nächste Skandal im Fall rund um den sexuellen Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz in Lügde. Bei der Kriminalpolizei im Kreis Lippe sind Beweise verschwunden. Mehr als 150 CDs und DVDs, die Aufnahmen der Taten enthalten könnten.

Für Lippes Landrat Axel Lehmann (SPD) ein klares Versagen seiner Polizeibehörde. "Diese Fehlleistungen, die es bei der Polizei Lippe gegeben hat, machen auch mich fassungslos", sagte er.

Alukoffer und Mappe mit Datenträgern verschwunden

Aus einem Büro im Polizeipräsidium sind ein Alukoffer und eine Mappe mit den Datenträgern verschwunden. In dem Raum wurden die ersten CDs gesichtet und anschließend stehen gelassen. Das Büro sei nicht so abgesichert gewesen, wie man es hätte absichern müssen, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU). Es hätte keine elektronische Einlasskontrolle nur für befugte Personen gegeben, wie in solchen Fällen normalerweile üblich.

Reul zeigte sich fassungslos und sprach von "Polizeiversagen".

Daten wurden das letzte Mal am 20. Dezember gesehen

Zuletzt gesehen wurden Mappe und Koffer mit den Datenträgern am 20. Dezember. Dem Tag, an dem die Ermittler mit Durchsuchungen beim Jugendamt Hameln Pyrmont beschäftigt waren. Bis zum 20. Januar dauerte es dann offenbar, bis die Polizei die Beweismittel vermisste. Und erst Anfang dieser Woche habe der Innenminister von der Sache erfahren, hieß es.

Jetzt wolle man alles dafür tun, die Beweise wieder zu finden, betonte Axel Lehmann. Man habe ein großes Interesse an einer rückhaltlosen, kompletten Aufklärung, sagte er.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter sprach von einer "Katastrophe" für das Ansehen der Polizei. Dieser Skandal sei für die Polizei eine Katastrophe aus vielerlei Hinsicht: "Die Bevölkerung vertraut uns, die Opfer vertrauen uns - und wir haben dieses Vertrauen hier offensichtlich verspielt", sagte Oliver Huth, Vize-Landesvorsitzender des Bundes im WDR.

Fünf Sonderermittler sollen aufklären

Sonderermittler vom Landeskriminalamt sind jetzt dabei, die Situation aufzuklären. Seit Mittwoch sind fünf Ermittler aus Düsseldorf in Detmold auf der Suche nach den Beweisen und demjenigen, der sie hat verschwinden lassen. Minister Reul sagte, bei den bisherigen Ermittlungen werde "kein Stein auf dem anderen bleiben".

Heinrich Reker (parteilos), Bürgermeister von Lügde, erfuhr am Donnerstagabend durch die Medien von den neuen Erkenntnissen. Ihm zeigt der Fall, der seine Stadt so schwer erschüttert hat, mittlerweile die Grenzen seiner Belastbarkeit auf. "Diese Situation macht uns betroffen, wie uns kein anderer Sachverhalt betroffen macht", sagte er. Ihn würde es nicht wundern, wenn im Laufe der Ermittlungen noch mehr ans Tageslicht komme, betont Reker.

Auch Innenminister Reul sagte, er schließe in diesem Fall überhaupt nichts mehr aus. Heute befasst sich auch der Düsseldorfer Landtag mit dem Skandal.

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