Berlin: Ein Polizist steht vor der Neuen Synagoge. In Halle (Saale) wurden durch einen Angriff auf die dortige Jüdische Synagoge, zwei Menschen getötet (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Carsten Koall/dpa)

Tödliche Schüsse in Halle Zwei Tote nach mutmaßlich rechtsextremem Anschlag - Das ist bisher bekannt

Ein mutmaßlich Rechtsextremer versucht schwer bewaffnet eine Synagoge in Halle an der Saale zu stürmen. Als das scheitert, erschießt er zwei Menschen. Die Tat und seine Vorbereitungen streamt der Täter live online. Offenbar hatte der Täter vor, noch wesentlich mehr Menschen zu töten.

Schwer bewaffnet und in Kampfausrüstung hat der Angreifer versucht, am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, in die Synagoge von Halle (Saale) in Sachsen-Anhalt einzudringen. Dabei hat er versucht, die Tür zu zerschießen, und platzierte Sprengsätze. In dem Gebäude befanden sich bis zu 80 Menschen, die Jom Kippur feierten.

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Die Tür zur Synagoge hielt jedoch stand, offenbar ließ der Täter daraufhin von der Synagoge ab. In der Nähe verletzte er jedoch eine Frau mit mehreren Schüssen in den Rücken tödlich. Anschließend habe er das Feuer auf einen Döner-Imbiss in der Nähe eröffnet und dabei einen Mann erschossen, berichten mehrere Medien. Ein weiterer Mann und eine weitere Frau wurden zudem verletzt.

Täter soll mit einem Auto geflüchtet sein

Anschließend ist der Angreifer mit einem Auto geflüchtet. Nach Informationen der "Bild-Zeitung" wurde er jedoch auf einer Bundesstraße Richtung Süden in einen Unfall verwickelt, leicht verletzt und konnte gefasst werden.

Noch unklar ist, ob der Täter auf dem Weg weitere Menschen verletzt hat. Die Behörden haben sich auch noch nicht dazu geäußert, ob Schüsse im wenige Kilometer östlich von Halle gelegenen Landsberg im Zusammenhang mit dem Anschlag stehen.

Ein Augenzeuge berichtete dem MDR, was er bei dem Angriff beobachtet hat:

Ein Augenzeuge der Schießerei in #halle berichtet. #hal0910 https://t.co/wZuSzVCNTO

Bundesanwaltschaft: Anhaltspunkte für ein rechtsextremistisches Motiv

Die Bundesanwaltschaft sieht beim Täter Anhaltspunkte für ein rechtsextremistisches Motiv. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sagte: "Nach dem derzeitigen Stand der Erkenntnisse müssen wir davon ausgehen, dass es sich zumindest um einen antisemitischen Angriff handelt".

Seehofer will am Nachmittag über den Ermittlungsstand informieren. Ungeklärt ist bislang unter anderem die Identität der beiden Opfer. Unbestätigt ist auch, ob ein im Internet aufgetauchtes Bekennervideo und ein angebliches "Manifest" tatsächlich vom mutmaßlichen Täter stammen.

"Dieser Tag ist ein Tag der Scham und der Schande"

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief zu Solidarität mit jüdischen Mitbürgern auf. "Dieser Tag ist ein Tag der Scham und der Schande", sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach dem Besuch der Synagoge.

"Wer jetzt noch einen Funken Verständnis zeigt für Rechtsextremismus und Rassenhass, wer die Bereitschaft anderer fördert durch das Schüren von Hass, wer politisch motivierte Gewalt gegen Andersdenkende, Andersgläubige oder auch Repräsentanten demokratischer Institutionen, wenn ich an den Fall Walter Lübcke denke - wer das rechtfertigt, der macht sich mitschuldig."

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

Außenminister Heiko Maas (SPD) sagte: "Antisemitismus und Fremdenhass dürfen keinen Platz in unserer Gesellschaft haben." Er appelliert via Twitter, gemeinsam rechtsextreme Gewalt zu verhindern. "Aus Worten im Netz werden Taten auf der Straße. Darum müssen wir alle immer und überall dagegenhalten!"

Am #DonnerstagderDemokratie danke ich meistens Ehrenamtlichen. Nach #halle0910 möchte ich heute aber nochmal dafür werben: Rechtsextreme Gewalt verhindern wir nur gemeinsam. Aus Worten im Netz werden Taten auf der Straße. Darum müssen wir alle immer und überall dagegenhalten!

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zeigte sich "entsetzt über diese verabscheuungswürdige Tat".

Merkel spricht Beileid aus

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den Angehörigen der Opfer von Halle ihr "tiefstes Beileid" ausgedrückt.

Kanzlerin #Merkel hat sich von Innenminister Seehofer und Ministerpräsident @reinerhaseloff über die Lage nach dem Anschlag in #Halle informieren lassen. Sie spricht den Angehörigen der Opfer ihr tiefes Beileid aus. (1/2)

Unsere Solidarität gilt allen Jüdinnen und Juden am Feiertag #YomKippur, unser Dank den Sicherheitskräften, die noch im Einsatz sind. (2/2)

Auch AfD meldet sich zu Wort

Die Bundessprecher der AfD verurteilen den Anschlag in Halle und fordern ein Vorgehen mit "maximaler Härte" gegen Gewalttäter und Terroristen.

Jörg Meuthen erklärte: "Wir alle sollten gegenüber jeder Form von Extremismus und politisch wie auch religiös motivierter Gewalt unsere Abscheu und vollständige Ablehnung deutlich machen. Zugleich sollten wir von unserem Rechtsstaat die einzig angemessene Reaktion fordern, nämlich diesen Gewalttätern und Terroristen mit maximaler Härte zu begegnen."

Ähnlich äußerte sich auch AfD-Bundessprecher Alexander Gauland und sagte: "Antisemitischer Terror und extremistische Gewalt müssen konsequent bekämpft und hart bestraft werden, egal aus welcher Richtung und Gesinnung sie kommen."

Israelitische Religionsgemeinschaft wenig überrascht

Auch die Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, Barbara Traub, drückte den Angehörigen der Opfer ihr Mitgefühl aus. Gleichzeitig kritisierte sie, dass Verhandlungen über einen stärkeren Schutz von jüdischen Gemeinden bislang nicht zum Erfolg geführt hatten.

"Die jüdischen Gemeinden sind schon lange davon ausgegangen, dass in der Bundesrepublik ein solcher Anschlag stattfinden kann."

Barbara Traub, Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, im SWR

Verdächtiger ist offenbar Deutscher

Nach SWR-Informationen handelt es sich bei dem mutmaßlichen Rechtsextremen Täter um den 27 Jahre alten Stephan B. aus Eisleben. Eisleben liegt rund eine halbe Autostunde von Halle entfernt.

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Ermittler gehen derzeit von Einzeltäter aus

Stephan B. soll Polizei wie auch Verfassungsschutz bislang nicht im Zusammenhang mit rechtsextremen Straftaten aufgefallen sein, sagt SWR-Terrorismus-Experte Holger Schmidt.

Aufgrund der Verletzungen durch den Unfall auf seiner Flucht liegt Stephan B. derzeit im Krankenhaus und wird von der Polizei überwacht. Derzeit gehen die Ermittler davon aus, dass B. allein handelte. Am Donnerstag soll er dem Haftrichter vorgeführt werden.

"Dass die Tat antisemitisch und ausländerfeindlich motiviert war, steht für die Ermittler inzwischen außer Frage", sagt Schmidt. Belege dafür finden sich unter anderem in einem rund 35 Minuten langen Video, dass Stephan B. während seines Angriffs mit einer Helmkamera filmte und live auf der Streamingplattform Twitch veröffentlichte. Im Anschluss an die Tat war das Video dort noch rund eine halbe Stunde abrufbar, inzwischen wurde es gelöscht. Auch Online-Dienst-Betreiber wie Facebook und Youtube bemühen sich, das Video von ihren Plattformen zu löschen.

Netzaktivist Markus Beckedahl sieht Internet-Plattformen in der Pflicht

"Twitch gilt als einer der großen Konkurrenten von Youtube", erklärt der Netzaktivist Markus Beckedahl im SWR. Das Videoportal sei vor Jahren von Amazon gekauft worden und werde vor allem von Usern genutzt, die ihre Spiele im Internet live streamen wollten. Wie im Fernsehen könnten andere User dann beim Spielen zuschauen.

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Tätervideos wie das aus Halle oder das des Attentäters von Christchurch in Neuseeland vor sechs Monaten seien kaum automatisch zu entdecken, geschweige denn zu löschen, meint Beckedahl.

Zwar hätten die großen Konzerne, wie Facebook und Google, als Reaktion auf das Christchurch-Attentat, eine gemeinsame Technologie entwickelt, doch ohne mehr Personal sei diese nutzlos. "Hier haben die Anbieter und Plattformbetreiber, die ja viel Geld damit verdienen, auch die gesellschaftliche Verantwortung und müssten mehr in Moderatoren investieren", so Beckedahl.

REDAKTION
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