Mann mit einer auf einem Anzuf aufgemalten Lunge (Foto: dpa Bildfunk, Foto: Sebastian Gollnow)

Experten zweifeln Grenzwerte an Streit unter Lungenärzten: Wie schädlich sind Diesel-Abgase?

Unter Lungenfachärzten ist ein Streit entbrannt, wie gefährlich Dieselabgase sind. Mehr als 100 Experten äußerten Kritik an den bestehenden Grenzwerten. Das könnte Folgen für Diesel-Fahrverbote haben.

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Bisher zeigen Studien, dass schon geringe Mengen Stickstoffdioxid (NO2) ein Problem für unsere Lunge sein können. Das wird jetzt allerdings von zahlreichen Lungenexperten kritisiert. In einem gemeinsamen Positionspapier, das dem NDR vorliegt, zweifeln die Fachärzte die Gesundheitsgefahr durch Dieselabgase an.

Sie fordern außerdem von der Bundesregierung eine Überprüfung der Studienergebnisse. Ihrer Meinung nach wurden die Untersuchungen nicht nach entsprechenden Standards durchgeführt.

Verkehrsminister begrüßt Vorstoß der Lungenärzte

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat den Vorstoß der Lungenärzte begrüßt, die Auswirkungen von Dieselabgasen auf den Menschen noch einmal unabhängig prüfen zu lassen. Dieser Schritt sei längst überfällig , sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Er helfe dabei, Sachlichkeit in die Diesel-Debatte zu bringen - so könne auch der Ansatz des Verbietens und Verärgerns überwunden werden.

Facharzt: Studien methodisch fragwürdig

Einer der Ärzte, der Kritik äußert, ist Dieter Köhler. Er ist der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (DGP). Köhler hält einen Großteil der Studien zum Thema für methodisch fragwürdig. Der jetzige Grenzwert für Stickstoffdioxid sei völlig ungefährlich.

Köhler stellt sich damit gegen die aktuelle Position der DGP, die auf Studien des Helmholtz-Instituts verweist, das die Krankheitslasten der Bevölkerung von Stadt und Land verglichen hatte und die Unterschiede auf den NO2-Ausstoß von Dieselfahrzeugen zurückführt.

Mehr als 100 Ärzte zweifeln Untersuchungsergebnisse an

Köhler wirft dem Helmholtz-Institut vor, bei den Untersuchungen Faktoren wie Bewegungsmangel oder Rauchen nicht ausreichend berücksichtigt zu haben. "Man macht aus einer zufälligen Korrelation eine Kausalität, für die es keine Begründung gibt. Im Gegenteil: Man kann das sogar sehr gut widerlegen", sagt er.

Dieser Kritik haben sich mittlerweile mehr als 100 Lungenärzte und Aerosolforscher angeschlossen. Der aktuelle Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, Klaus Rabe, räumte gegenüber dem NDR ein, dass die Zahl der Kritiker deutlich größer sei als zunächst angenommen. Er will auf die Kritiker im eigenen Verband zugehen und eine sachliche Debatte über die wissenschaftlichen Grundlagen der derzeit geltenden gesetzlichen Grenzwerte ermöglichen.

Auswirkungen auf Dieselfahrverbote?

Das Neckartor in Stuttgart mit grafischen Elementen zum Diesel-Fahrverbot (Foto: SWR)
Besitzer eines Diesels mit Euro-Norm 4 oder schlechter dürfen nicht mehr in Stuttgart fahren - es gibt aber Ausnahmen.

Die Diskussion in Fachkreisen könnte große Auswirkungen haben, wenn es um Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge geht. Derzeit liegt der Grenzwert bei 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft. Er wird allerdings im Jahresdurchschnitt in vielen deutschen Städten überschritten. Deshalb wurden Fahrverbote für Dieselautos verhängt - zuletzt für die gesamte Umweltzone in Stuttgart. Die Kritiker halten solche Maßnahmen für unverhältnismäßig.

Die Experten vom Helmholtz-Institut haben ihre Forschungsergebnisse verteidigt. Sie bleiben dabei, dass schon niedrige Konzentrationen Stickstoffdioxid - wie bei dem derzeit gültigen Grenzwert - zu erheblichen Gesundheitsschäden führen können.

"Unsere Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes hat ausgerechnet, dass es ungefähr 6.000 Todesfälle in Gesamtdeutschland sind oder ungefähr 50.000 Lebensjahre, die in der Gesamtbevölkerung verloren gehen", sagte Anette Peters, die Direktorin des Münchner Instituts.

Konstruierte mathematische Modelle?

Dieter Köhler (Foto: dpa Bildfunk)
Dieter Köhler fordert neue Untersuchungen. Viele seiner Kollegen haben sich der Kritik angeschlossen.

Diese konkreten Zahlen zweifelt Köhler an. "Das Dilemma ist hier, dass die Datenlage das nicht hergibt", sagte Köhler dem NDR. "Der jetzige Grenzwert NO2 ist völlig ungefährlich. Er produziert keinen einzigen Toten."

Dem stimmt auch Martin Hetzel, Chefarzt der Stuttgarter Lungenklinik im Krankenhaus zum Roten Kreuz, zu. Die Berechnungen seien konstruierte mathematische Modelle, die mit der Realität nichts zu tun hätten. "Es ist einfach nicht plausibel, dass diese geringen Konzentrationen von NO2 und Feinstaub die Gesundheitsschäden und die Todesfälle verursachen sollen, die derzeit publiziert werden", erklärte er weiter.

Umweltbundesamt hält Nachweis nicht für möglich

Das Umweltbundesamt (UBA) hat eingeräumt, dass ein direkter Nachweis über die Gesundheitsgefahr durch Stickstoffdioxid nicht zu erbringen sei. Das Amt verweist aber auf die Indikator-Funktion. "Es gibt tatsächlich keinen NO2-Toten oder NO2-Erkrankten, weil diese singuläre Verursachung durch diesen einen Schadstoff nicht beobachtbar ist", sagte Wolfgang Straff vom UBA.

Was man beobachte, seien Effekte in epidemiologischen Studien, so Straff: "Da können wir ganz klar sehen: Wenn mehr NO2 vorhanden ist, treten die Erkrankungen auf. Aber wir können nicht eine Erkrankung herunterbrechen auf die eine Ursache NO2."

REDAKTION
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