Festnahmen in der Erstaufnahmestelle für Asyslbewerber in Ellwangen (Foto: picture-alliance / dpa)

Gespräch über kriminelle Flüchtlinge Hat die AfD recht?

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Flüchtlingswelle und einem Anstieg der Kriminalität? Ja, sagt Kriminologe Christian Pfeiffer und setzt gleich danach ein großes Aber.

In den nächsten Tagen sind in Mainz Demonstrationen und Mahnwachen geplant - von rechten wie linken Gruppen. Vor allem die AfD versucht, den Fall Susanna mit den ins Land gekommenen Asylbewerbern in Verbindung zu bringen. Immer wieder hat schließlich die Partei darauf hingewiesen, dass es nach der Flüchtlingswelle einen Anstieg der Kriminalität gegeben habe.

Im letzten Jahr stieg die Zahl der Tötungsdelikte um fünf Prozent. SWR-Redakteur Gerald Pinkenburg hat mit Kriminologe Christian Pfeiffer gesprochen. Er war langjähriger Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in Hannover.

Herr Pfeiffer, platt gefragt: Hat die AfD recht, gab es nach der Flüchtlingswelle einen Anstieg der Kriminalität?

Die AfD hat schon immer übertrieben und jetzt jubiliert sie natürlich, weil sie scheinbar Recht hat. Richtig ist aber - und das ist nie zu bestreiten gewesen - je mehr Flüchtlinge wir bekommen haben, umso ausgeprägter ist die Gewaltkriminalität insgesamt gestiegen.

Das hat damit zu tun, wer hier her kommt. Nehmen wir mal ein Beispiel: 2014 waren neun Prozent der niedersächsischen Bevölkerung die gefährlichen jungen Kerle im Alter von 14 bis 30. Die waren für die Hälfte aller Gewalttaten in Niedersachsen zuständig. In jedem Volk der Welt ist das so. Nur: Die Flüchtlinge sind halt nicht neun Prozent junge Kerle, sondern 27. Drei mal soviel, in einigen Gruppen sogar bis zur Hälfte. Das wirkt sich aus.

Christian Pfeiffer, Kriminologe (Foto: picture-alliance / dpa)
Christian Pfeiffer, Kriminologe

Der zweite wichtige Faktor ist, dass einige die Chance haben, zu bleiben. Diejenigen, die von Anfang an wussten, dass sie wohl in Deutschland ein Sprachkurs machen können und hier bleiben können, bis zu Hause wieder Friede einkehrt, die sind höchst brav und anständig. Sie wollen ihre Chancen nicht kaputt machen.

Und dann gibt es die anderen, die bald erfahren haben, dass sie in Deutschland nicht bleiben dürfen, dass sie keine Chanche bekommen. Zu dieser Gruppe gehört auch der mutmaßliche Täter von Mainz. Er hat das Ende Dezember erfahren und war frustriert und wütend. Er hat seitdem offenbar immer wieder für Ärger gesorgt.

Klar ist ja aber: Die Täter, wenn sie denn Flüchtlinge sind, sind oft junge Männer. Haben Sie Erkenntnisse darüber, warum es denn gerade unter ihnen immer wieder Gewalttäter gibt?

Junge Männer sind in jedem Volk das Gefährlichste. Aber hier kommt noch ein Element hinzu: Sie kommen aus Kulturen männlicher Dominanz - deutlich gesagt: aus Macho-Kulturen. Viele kommen mit Werten gegenüber Frauen, die in unsere Gesellschaft überhaupt nicht passen. Sie leben das dann aber aus.

Das wird auch eine Rolle im Prozess gegen den jetzt festgenommenen, mutmaßlichen Täter spielen. Dann wird auch gefragt werden, ob er speziell einen Hass auf jüdische Frauen hat. Möglicherweise wusste er, dass die 14-jährige Susanna Jüdin war. Sein Bruder war gut mit ihr bekannt.

Was kann Ihrer Meinung nach heute getan werden, um solche Taten zu verhindern?

Wir haben eine beachtliche Zahl von jungen Männern, die in Deutschland gestrandet sind - ohne Hoffnung, dass sie hier bleiben können. Die sind mit großen Erwartungen aufgebrochen und erfahren jetzt, dass sie kein Asyl bekommen, keine Perspektive haben und wieder nach Hause müssen. Diesen Frust zu verarbeiten, gelingt nicht allen. Manche begehen dann Straftaten.

Eine Lösung, die im Innenministerium favorisiert wird, ist die Ausweisung. Aber das scheitert in vielen Fällen schon daran, dass man nicht weiß, in welches Land, weil der Betroffene keinen Pass hat. Viele Länder nehmen aber nur Personen zurück, bei denen wirklich sicher ist, dass es einer der ihren ist.

Da hat unser Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) eine sehr überzeugende Lösung. Er setzt große Geldsummen für Projekte in solchen Ländern ein, die sich kooperativ zeigen und ihre Landsleute zurücknehmen. Diese Entwicklungsprojekte schaffen dann Arbeitsplätze für junge Männer. Die Länder müssen also etwas für uns tun, dann tun wir etwas für sie. Damit hat Minister Müller echt Chancen. Es könnte klappen, dass 50.000 junge Flüchtlinge freiwillig zurückgehen. Andere Lösungen haben wir nicht.

Nochmal zurück zur AfD, Herrr Pfeiffer. Sie treffen später noch in Gera AfD-Politiker. Was erwarten Sie dort?

Interessiert bin ich an dem Publikum. Dort werden auch viele AfD-Wähler sitzen, da Thüringen ein Erfolgsgebiet der Partei ist. Die Politiker werden manches an Übertreibungen verkünden, was so nicht stimmt. Das kann ich korrigieren. Aber das Entscheidende ist, dass ich den Menschen, die zu der Veranstaltung kommen, deutlich machen will, wie komplex das Thema eigentlich ist. Mit schlichten Feindschaftsgesten wie "Raus mit denen" ist nichts gewonnen. Wir müssen konstruktive Lösungen suchen, damit wir diese Flüchtlingsproblematik gut bewältigen können.

Und dafür gibt es nach wie vor erfolgreiche Chancen. Wir brauchen nur sehen, dass inzwischen ein Viertel der anerkannten Asylbewerber arbeitet und uns nicht mehr auf der Tasche liegt. Das ist noch ausbaufähig. Andere Lösungen haben wir nicht, als friedliche Wege zu suchen und zu finden, für die, die wir behalten wollen und für die wir eine echte Perspektive eröffnen wollen.


 

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