Kretschmann (Foto: picture-alliance / dpa)

Winfried Kretschmann will Dialekte retten Warum Schwäbisch und Badisch wichtig sind

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Wie können Dialekte wiederbelebt werden? Mit dieser Frage beschäftigte sich ein Mundart-Kongress in Stuttgart am Freitag.

Für Winfried Kretschmann (Grüne) sind Dialekte wichtig. Schwäbisch fühle sich für ihn einfach "heimeliger" an als Hochdeutsch, sagte er im SWR: "Dialekt ist für mich einfach die Sprache des Alltags und der Nähe."

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
19:30 Uhr
Sender
SWR Fernsehen BW

Schimpfwörter und Alltagsausdrücke gehen besser im Dialekt

Manche Dinge ließen sich in der Mundart besser ausdrücken, wenn es zum Beispiel um tägliche Situationen oder bestimmte Stimmungen ginge. Viele Schimpfwörter seien außerdem im Dialekt nicht so hart und hätten noch dazu eine gewisse Ironie. "Halbdackel" sei zum Beispiel so ein Ausdruck.

Es gebe aber auch Dinge, die sich im Dialekt sehr merkwürdig anhören würden:

"Eine pathetische Liebeserklärung im Schwäbischen ist sicher extrem schwer."

Winfried Kretschmann (Grüne), Ministerpräsident Baden-Württemberg

Und man würde auch nicht eine Leichenrede oder eine Rede zu Europa auf Schwäbisch halten, so Kretschmann weiter.

Eltern sollten mit Kindern Dialekt sprechen

Um den Dialekt zu retten, könne man natürlich keine Sprachpolitik machen, das könne die Politik nicht wirklich steuern, betonte Kretschmann: "Was wir aber machen können, ist erstens, dass der Dialekt nicht diskriminiert wird, und zweitens, dass er wertgeschätzt wird."

So gebe es Eltern, die beide Schwäbisch sprächen, es mit ihren Kindern aber nicht mehr machten. Das müsse sich ändern.

Wer Dialekt spricht, ist mehrsprachig

Dialekt sei auch immer ein "Zeichen von Vielfalt und Mehrsprachigkeit". Viele würden befürchten, dass Kinder, die Dialekt sprächen, dann das Hochdeutsche verlernen würden. Das Gegenteil sei aber der Fall, so Kretschmann.

Mundart fehlt im offiziellen Raum

Dialekt wird vor allem noch auf dem Land in Bereichen gesprochen, wo die Menschen miteinander vertraut sind. So etwa beim Bäcker, im Verein oder auf dem Sportplatz, hat Professor Hubert Klausmann von der Universität Tübingen festgestellt und stellte seine Ergebnisse bei der Tagung vor. Je weiter man sich in den offiziellen Raum - sei es Rathaus oder Finanzamt - bewege, desto weniger werde in Mundart parliert.

Die Deutschen täten sich schwer mit sprachlichen Varianten und tendierten zum "Hannoverismus", also der Ansicht, dass in der Region in Niedersachsen das beste Deutsch gesprochen werde. Dabei sei sich selbst der Duden nicht immer sicher, welcher Ausdruck nun Standard sei. Die Menschen seien ihrer eigenen Sprachprägung nicht gewiss: "Immer ist das, was ich nicht spreche, das Richtige."

Wissenschaftler nimmt Medien in die Pflicht

Klausmann sieht vor allem die Medien in der Pflicht, das Renommee der Mundartsprecher zu verbessern. Im Rundfunk hätten Schwäbisch-Sprecher schlechte Karten, im "Tatort" spielten sie untergeordnete Rollen. Empört zeigt er sich über Untertitel im Fernsehen, wenn Regionalsprachen verwendet werden, obwohl sie absolut verständlich seien. Auch an den Schulen seien Dialektsprecher benachteiligt. All das führe schließlich zum Dialekttod.

Wie gegensteuern? Das Verständnis für Dialekte müsse in der Lehrerausbildung etabliert werden, meint der Wissenschaftler. Auch Vorbilder wie Fußball-Bundestrainer Joachim Löw und Regierungschef Kretschmann seien als Botschafter des Dialekts unverzichtbar.

"What the fuck is Breschtlengsgsälz?"

Der Comedian Dodokay, bekannt für seine schwäbische Synchronisation von Kino-Klassikern, verriet den Tagungsteilnehmern, wofür der Dialekt auch gut sein kann: verschlüsselte Botschaften. So verstehe der US-Geheimdienst NSA Schwäbisch sicherlich nicht. Er könne sich vorstellen, wie die Agenten sich fragten: "What the fuck is Breschtlengsgsälz (Erdbeermarmelade)?"

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