Abgestorbene Bäume im Nadelwald (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Patrick Seeger/dpa)

Kommentar zum Zustand des Waldes "Der Wald braucht Naturnähe und Vielfalt statt Aufforstung"

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Ein Waldgipfel tagt, Milliardensummen werden gefordert, Forstminister erstellen eine gemeinsame Erklärung - alles um den Wald zu retten. Aber hilft die Aufforstung wirklich? Oder was läuft falsch in unseren Wäldern? Ein Kommentar von Axel Weiß.

Ach du deutscher Wald, was ist nur aus dir geworden? Mühsam hatten wir dich aufgepäppelt nach den mittelalterlichen Misshandlungen, die Wunden flächendeckend befichtet. Und jetzt das: 100 Millionen Altbäume sind bereits abgestorben, Millionen Jungpflanzen vertrocknet. Es wird Ernst mit dem Waldsterben.

Warum wurde der Wald nicht naturnah umgebaut?

Die Forstwirtschaft, die jetzt alles auf den Klimawandel abschieben will, muss sich freilich fragen lassen: Warum habt ihr den Forst in der Praxis nicht flächendeckend naturnah umgebaut wie seit einem Vierteljahrhundert gefordert? Also altersmäßig gut durchmischte Wälder mit hohem Laubholzanteil statt nur einer Altersklasse?

Wie viele mächtige Bäume älter als 140 Jahre stehen noch im deutschen Wald? Oder ist der eher ein deutsches Wäldchen, weil ihr nach und nach alle schattenspendenden, alten Mutterbäume entfernt habt? Haben schwere Maschinen alle 20 Meter die Böden in Rückegassen verdichtet, die jetzt nicht mehr ausreichend Wasser speichern können? Und nun verdunsten die durch die Gier nach schwarzen Zahlen gelichteten warmen Wälder mehr als ihnen gut tut.

Dafür wurde der Holzeinschlag in den kaputtgesparten Riesenrevieren die letzten zwanzig Jahre verdoppelt, oder? Wurden die Jungförster eigentlich ausreichend geschult, wie sie naturnah arbeiten? Das sind Fragen, die will keiner hören.

Dauer

"Wir haben keine Ahnung welche Bäume zukunftsfest sind"

Wir sind im Katastrophenmodus mit Krisengipfel und Masterplan. Frau Merkel ist betroffen, Frau Klöckner ist betroffen. Prompt geht’s wieder genau in die falsche Richtung: Aufforsten! Nur, womit? Wir haben keine Ahnung, welche Baumarten zukunftsfest sind. Wer Fachleute nach zukünftigen Baumarten fragt, erntet ehrlicherweise Ratlosigkeit. Libanonzeder? Roteiche?

Zum Ausprobieren fehlt die Zeit: Wir reden über die Verantwortung für 100, 150, 200 Jahre. Wir müssen jetzt den Wald der Zukunft schaffen. Nachhaltigkeit allein reicht nicht, wir brauchen Naturnähe und Vielfalt. Was wir brauchen ist eine echte Wiederbewaldung statt Wiederaufforstung. Die Natur erst machen lassen, bevor wir korrigieren.

Naturnahen Buchenwäldern macht die Hitze nichts

Es ist offenbar nicht so, dass alle Wälder betroffen wären: Wirklich naturnahe Buchenwälder zeigen bisher kaum negative Reaktionen auf die Erwärmung. Aber die haben auch mindestens die doppelte Biomasse wie Wirtschaftswälder. Sie sind kleinräumig strukturiert, ihre Arten durch natürliche Selektion angepasst. Ein weitgehend geschlossenes Kronendach hält die Feuchtigkeit darunter.

Das bisherige Konzept der Forste ist jedenfalls gescheitert. Um das zu erkennen, reicht derzeit ein Blick auf den traurigen Zustand unserer Baumplantagen, die wir so liebevoll wie falsch "Wald" nennen.

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