Joseph Ratzinger (Archivbild 1017) (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Lena Klimkeit/dpa)

Kommentar zu Ratzingers Erklärung des Missbrauchs "Keine Anteilnahme, keine Selbstkritik"

Der ehemalige Papst Benedikt XVI hat sich zu Wort gemeldet und erklärt, warum es in der katholischen Kirche überhaupt diese ganze Missbrauchskrise gibt. Ein Kommentar von SWR Redakteur Jörg Vins.

Es sind die großen Stars, die nach der letzten Tour versichern, sich nun endlich zurückzuziehen und ab jetzt nie mehr das Publikum zu suchen. Und dann dauert es eine Weile, sie werden schwach, angeblich weil ihre Fans sie bitten, in Wahrheit weil sie nicht loslassen können. Und dann erklimmen sie doch wieder die Bühne und singen ihre alten Songs mit ihren längst verstimmten Gitarre - die Songs, die ihre alten Fans immer noch und immer wieder gerne mitsummen.

So hat sich auch Joseph Ratzinger aufgerafft, kurz vor seinem 92. Geburtstag noch einmal auf die Bühne zurückzukehren und eine Art Hirtenbrief zu schreiben. Es geht ihm um die Krise der Kirche, es geht ihm um das Übel der Pädophilie und seinen Beitrag zum Neuanfang der Kirche.

Jörg Vins (Foto: SWR)
Jörg Vins

Das ist erstmal beeindruckend, wenn sich ein Mann in den Neunzigern noch mal so der Öffentlichkeit aussetzt. Er fordert einem Respekt ab. Aber der Respekt gefriert, wenn Ratzinger seine alten Lieder singt, die keine neuen Töne bringen, sondern die alten Verteidigungsgesänge zum Schutze der heiligen Kirche erklingen lassen.

Sexualkundeunterricht und Pornofilme

Der ehemalige Papst sucht nach Gründen, besser nach Entschuldigungen für die Missbrauchskrise. Und für ihn steht fest: Es hat alles in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit dem staatlichen Sexualkundeunterricht in den Schulen begonnen. Sex- und Pornofilme waren freizugänglich und vor den Kinos bildeten sich Schlangen wie im Krieg, wenn man Lebensmittelmarken eintauschen wollte.

Ideologie der 68er und die Pädophilie

Und dann sei die Ideologie der 68er dazugekommen, die die Pädophilie erlaubte und als angemessen verkaufte. Ihm taten nur die jungen Männer Leid, die in solch einer Atmosphäre Priester werden sollten. Ja, er denkt immer vom Priestertum aus.

Die katholische Morallehre ging in dieser Zeit auch den Bach runter. Weil nicht mehr das absolut Gute und Wahre gelehrt, sondern alles relativiert wurde.

Diagnose: Mangel an Glauben sei Übel der Zeit

Insgesamt diagnostiziert Ratzinger einen Mangel an Glauben. Darin sieht er das Übel der Zeit. Die Kirche selbst sei doch heilig. Es komme also darauf an, neu in den Grenzen von vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (also 50er Jahre) zu glauben und nicht eine neue Kirche zu bauen. Wer das wolle, folgt eher den Einflüsterungen des Teufels.

Kein Eingeständnis, etwas falsch gemacht zu haben

Keine Selbstkritik, keine Anteilnahme mit den Opfern des Klerikalismus, kein Eingeständnis, vielleicht selbst als Präfekt der Glaubenskongregation, als Erzbischof in München und als Papst - also als Verantwortlicher an Oberster Stelle - eventuell irgendwie etwas falsch gemacht zu haben.

Einfach nur mehr Glauben, einfach nur mehr vom selben, einfach nur Augen zu vor der Wirklichkeit. Das Schlechte in der Kirche kommt von außen und hat mir ihr selbst nichts zu tun. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Manchmal ist es für alle besser, wenn die alten Stars ihre alten Lieder im stillen Kämmerlein singen - durchaus gerne mit den Fans, die noch summen können. Warum nicht? Und meist ist ein rechtzeitiger Rückzug von der Bühne eine gute Entscheidung. Das merkt man dann, wenn ein Comeback nur noch erhöhte Dankbarkeit für den respektablen Abgang von damals hervorruft.

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