Kigali: Gedenkfeiern zum 25. Jahrestag des Beginns des Völkermordes in Ruanda. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Kommentar der Woche Völkermorde: Nie wieder? Immer wieder!

"Nie wieder Völkermord" hieß es 1948. Ein Versprechen, das wieder und wieder gebrochen wird. Ein Kommentar von UN-Korrespondent Georg Schwarte.

Als die Toten die Flüsse anschwellen ließen

"Nie wieder!" - 1948 war es als die Weltgemeinschaft die Völkermordkonvention verabschiedete und sich schwor: Nie wieder die Bilder der Gaskammern, der Leichenberge, noch frisch damals. Nie wieder Völkermord! Die Welt glaubte wohl, was sie hoffte.

Dann kam der April 1994. Es kam Ruanda: "Wir haben Flüsse voller Leichen durchwatet, Brücken überquert, an deren Pfeiler sich die Toten stapelten. Die Pegel der Sümpfe stiegen durch die aufgequollenen Leiber" - der kanadische Blauhelmkommandant Roméo Dallaire berichtete über das Grauen, das er davor hatte kommen sehen, vor dem er die Vereinten Nationen gewarnt hatte.

Aber die Weltgemeinschaft, die so tapfer "nie wieder" geschworen hatte, ließ aus "nie wieder" ein "schon wieder" werden - damals Hutu gegen Tutsi.

Acht Tage nach Beginn des Mordens: Am 15. April 1994, schätzt dass Rote Kreuz, das einhunderttausend Menschen abgeschlachtet wurden - und der UN-Sicherheitsrat beschließt den Abzug der Blauhelme.

Nie wieder? Syrien...

Nie wieder: Acht Jahre Syrienkrieg, ein Machthaber der Fassbomben auf sein Volk wirft, Städter aushungert, Menschen vergast: Irgendwann zum fünfundzwanzigsten Jahrestag des Syrienkrieges wird die Weltgemeinschaft vermutlich wieder "nie wieder" sagen.

29. April 1994, Ruanda: Seit 22 Tagen hacken die Hutus ein ganzes Volk in Stücke. Die UN schätzen die Zahl der Toten auf 200.000.

Nie wieder? Jemen...

Nie wieder: Im Jemen kämpfen sie seit fünf Jahren. Kinder verhungern, Schulen und Hospitäler werden von Saudi Arabien bombardiert, das Land geht unter. Es ist die größte von Menschen gemachte humanitäre Krise der Welt. In zwanzig Jahren - zum 25. Jahrestag des Jemen Krieges - wird die Weltgemeinschaft vermutlich wieder "nie wieder" sagen.

3. Mai 1994, Ruanda: Die USA schlagen im Sicherheitsrat vor, eine Delegation nach Ruanda zu schicken. Damit würde man Schlagzeilen wie "Die UN sollten sich schämen", verhindern. Sie wollten Schlagzeilen verhindern - einen Völkermord offenbar nicht. Am gleichen Tag schätzt das Rote Kreuz die Zahl der Toten auf 400.000 - "nie wieder".

Ruanda, sagt der kanadische Premier Trudeau jetzt, habe gezeigt, wozu Spaltung und Hass führen können. Einige Tage vorher hatte US Präsident Trump gerade wieder über einige illegale Einwanderer gesagt, es seien keine Menschen es seien Tiere.

Nie wieder? Myanmar...

Die Hutus hatten die Tutsis auch nicht als Menschen betrachtet. Sie seien Schlangen, Kakerlaken hieß es damals Tiere - "nie wieder".

In Myanmar versucht die Regierung die Rohingiyas auszulöschen. Die UN sprechen von einem "Vorgehen aus dem Lehrbuch ethnischer Säuberungen". Der Sicherheitsrat schweigt - "nie wieder Völkermord".

Wer 25 Jahre nach Ruanda - wie Myanmar mit China - eine Vetomacht des Sicherheitsrates an seiner Seite weiß, der kann weiter morden.

22. Juni 1994: Der Völkermord in Ruanda ist beendet. Die UN schätzen die Zahl der Toten offiziell auf 800.000.

Bei Berggorillas wären sie eher gekommen

25 Jahre nach Ruanda sagten sie auf den Gedenkfeiern wieder "nie wieder" - während zeitgleich Tausende Menschen aus Libyens Hauptstadt Tripolis fliehen und die Weltgesundheitsorganisation sich bereit macht, die nächste Katastrophe bewältigen zu müssen. Weil die Welt auch dieses Libyen lange Jahre allein ließ - "nie wieder Völkermord".

Der kanadische Blauhelm-Kommandant Dallaire sagte einmal, vielleicht wäre es besser gewesen, die ruandischen Berggorillas wären damals abgeschlachtet worden. Dann hätte die Welt früher Hilfe geschickt. Vermutlich hat der Mann auch 25 Jahre später noch immer Recht.

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