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Jahrestag der Grenzöffnung. Ein Kommentar Der Tag, der das Land veränderte

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Ein Urteil über die Entscheidung von Bundeskanzlerin Merkel, die deutschen Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen, wird immer vom Standpunkt des Betrachters abhängen, meint Martin Rupps.

Heute vor vier Jahren entschied Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen, die sich in einem Treck von Ungarn aus nach Österreich und Deutschland aufgemacht hatten. An diesem Tag sind es wenige tausend Menschen überwiegend aus Syrien, in dem seit Jahren ein Bürgerkrieg tobt. Doch die Kunde von der offenen deutschen Grenze spricht sich rasch herum. Hunderttausende werden in den kommenden Monaten Aufnahme in Deutschland finden.

Flüchtlinge auf dem Weg von Budapest zur österreichischen Grenze (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Zoltan Balogh/epa/dpa)
Am 4. September 2015 machten sich tausende Flüchtlinge von Ungarn aus nach Österreich und Deutschland auf picture alliance/Zoltan Balogh/epa/dpa

Es handelt sich um ein tragisches Entscheidungsdilemma, das in der Geschichte eines Landes zum Glück nicht oft vorkommt: Die Bundeskanzlerin musste eine Entweder-oder-Entscheidung treffen im Bewusstsein, wie immer ihr Votum ausfällt, kann sie das Problem nicht lösen, nur ein paar Aspekte davon. Die anderen würden ihr früher oder später auf die Füße fallen.

Auch vier Jahren später ist kein sicheres Urteil darüber möglich, ob die Grenzöffnung ein notwendiger Akt der Humanität war oder die falsche, weil nationale Antwort auf ein internationales Problem. Wahrscheinlich hängt das noch immer und auch in Zukunft vom Standpunkt des Betrachters ab, den eigenen ethischen Grundlagen und politischen Überzeugungen.

Anhänger von GEGIDA demonstrieren (Foto: dpa Bildfunk, dpa - Bildfunk)
Für einen Teil der Öffentlichkeit ist Angela Merkel wegen der Grenzöffnung zur Hassfigur geworden dpa - Bildfunk

Was ich der Bundeskanzlerin aber ankreide: sie hat über ihre Entscheidungsnot von damals nie gesprochen. Nie über Angst und Verzweiflung, die damit einhergehen kann. Unsere politische Kultur erleichtert es offenbar Spitzenpolitikern nicht zu bekennen, dass auch sie nur Menschen sind.

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