Bild von einer Flagge Großbritanniens neben einer der Europäischen Union. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Kirsty O'Connor/PA Wire/dpa)

Großbritanniens Austritt aus der Europäischen Union Kommentar: EU muss den Briten Zeit geben, um Johnson und einem harten Brexit zu entkommen

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Die Brexit-Verhandlungen stehen still, viel deutet auf einen EU-Austritt Großbritanniens ohne Deal. Um das zu verhindern, bleibt nur noch die Verschiebung des Austrittsdatums, kommentiert Brüssel-Korrespondent Ralph Sina.

Die EU hat keine Wahl, sie braucht einen "Plan B", einen "Plan Boris". EU-Chefunterhändler Michel Barnier muss mit dem neuen britischen Premier verhandeln. Nicht in der Substanz, aber im Detail, damit der 31. Oktober nicht tatsächlich zum "Halloween-Horror" einer britischen Scheidung von der EU ohne Scheidungsvertrag wird.

Dann müsste sich auch Ursula von der Leyen nicht gleich an ihrem ersten Arbeitstag gezwungen sehen, eine harte und damit konfliktfördernde Grenze auf der irischen Insel zu verlangen, weil andernfalls der europäische Binnenmarkt keine kontrollierte Außengrenze mehr zum künftigen Drittstaat Großbritannien hätte.

EU muss Johnson unter Druck setzen

Wenn die EU also an ihrem friedenspolitischen Kernziel in Sachen Brexit festhalten und Kontrollposten sowie Zollstellen zwischen der EU-Republik Irland und Nordirland vermeiden will, dann muss sie in der Sommerpause einen "Plan B" entwickeln und anschließend Boris Johnson unter Druck setzen. Zum Beispiel mit dem Angebot, in die Verhandlungsverlängerung zu gehen.

Die EU kann den völlig willkürlich gesetzten Ausstiegstermin 31. Oktober vom Tisch nehmen und in Ruhe über eine modifizierte politische Zusatzerklärung zum Ausstiegsvertrag verhandeln.

Kommt Zeit, kommt Rat?

Die Europäische Union hat keine Wahl. Sie muss mit Boris Johnson verhandeln, um Zeit zu gewinnen. Zeit, in der das britische Parlament zum Beispiel die Möglichkeit hat, Johnson per Misstrauensvotum von seinem Chaos-Brexit abzuhalten und Neuwahlen zu erzwingen.

Der Scheidungsvertrag ist für die EU nicht verhandelbar, der Scheidungstermin aber sehr wohl und die politische Zusatzerklärung auch. Weder von der Leyen, noch Barnier, Merkel oder Macron können den größten anzunehmenden Unfall - nämlich den Brexit ohne Ausstiegsvertrag - verhindern, sondern nur die Briten selbst. Aber die Europäische Union kann den Briten dabei helfen, indem sie ihnen Zeit gibt, Johnson und dem harten Brexit zu entkommen.

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