Greta Thunberg auf einer Demo gegen die Klimakrise in Berlin: Seit einem Jahr demonstriert die Schwedin (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Paul Zinken/dpa)

Kommt das Wachrütteln an? Ein Jahr Klimaproteste von Greta Thunberg

AUTOR/IN

Ein Mädchen, ein Schild, ein Protest vor dem schwedischen Parlament. So begann vor einem Jahr Greta Thunbergs Klimaprotest. Längst ist aus ihrem Kampf fürs Klima eine weltweite Bewegung geworden.

Für die einen ist Greta Thunberg Heilsbringerin und Lichtgestalt, für die anderen eine Öko-Ideologin, die in den sozialen Medien regelmäßig eine Flut von Hasskommentaren auslöst. Doch egal, wie man zu "Fridays for Future" und deren Initiatorin steht, es ist unstrittig, dass die Bewegung dem Thema Klimaschutz wieder eine enorme Aufmerksamkeit in Gesellschaft und Medien verschafft hat.

Von einem Mädchen zu Hunderttausenden

Am Anfang waren da bloß ein Mädchen und sein Schild. Greta Thunberg protestierte allein vor dem schwedischen Parlament. Ein Jahr ist das her, inzwischen gehen Hunderttausende auf die Straßen, weltweit, vor allem aber in Europa. Auch in Deutschland schwänzen regelmäßig freitags Tausende Schüler den Unterricht und streiken für Klimaschutz. Mehr als 600 Gruppen gibt es nach Angaben von "Fridays for Future" aktuell in Deutschland.

Auch deshalb spricht Moritz Sommer, Geschäftsführer des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung (IPB), ausdrücklich von einer Erfolgsgeschichte. Beeindruckend seien Größe und Dauer der Bewegung sowie deren Einfluss auf die gesellschaftliche Debatte. Teil der Erfolgsgeschichte ist, dass die Klimaschutzfrage eine ganze Generation anspricht und die Forderungen relativ allgemein sind. So können sich sehr viele Menschen dahinter versammeln.

"Fridays for Future": Wer mitmachen will, kann mitmachen

Außerdem ist "Fridays for Future" eine Bewegung und keine Partei, auch kein Verein. Im Unterschied zum Verein muss man nicht offiziell Mitglied werden. "Um mitzumachen, braucht man im Zweifelsfall nur ein Smartphone und kann eine Gruppe gründen und sagen, ich mache jetzt hier was bei mir vor Ort", betont Carla Reemtsma. Die 21 Jahre alte Studentin ist eines der bekannten Gesichter von "Fridays for Future" in Deutschland. Sie koordiniert die bundesweite Pressearbeit.

Greta Thunberg ist viel gereist im vergangenen Jahr. Die Schülerin hat Mitstreiter getroffen, Politiker, den Papst, sie hat vor dem EU-Parlament gesprochen und mit Wissenschaftlern diskutiert, zum Beispiel vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Die Wissenschaftler dort erachten die Bewegung als hilfreich.

School strike week 49. The climate crisis doesn’t go on summer holiday, and neither will we. #fridaysforfuture #schoolstrike4climate #climatestrike

So viel Aufmerksamkeit hatte Klimapolitik schon lange nicht mehr. Das sei auch "Fridays for Future" zu verdanken, steht für Elmar Kriegler vom PIK fest. Nach dem Hitze-Sommer 2018 hätten Thunberg und ihre Mitstreiter die Klimafragen zurück auf die politische Agenda gebracht, zumindest in Deutschland und Europa.

Von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gab es mehrfach Lob und Anerkennung für die jungen Klimaaktivisten. Gerade erst bezeichnete sie Thunberg als außergewöhnliches Mädchen, das viel ins Rollen gebracht habe. Inhaltlich aber haben die jungen Klimaaktivisten der Politik bislang noch nicht viel abringen können. Das wissen die Vertreter von "Fridays for Future" selbst. Reemtsma räumt ein: "Politisch bewegt - wenn man jetzt Entscheidungen betrachtet - hat sich auf nationaler Ebene total wenig."

Kretschmann: Schule schwänzen ist keine Dauerlösung

Nächstes Etappenziel ist der 20. September. Dann ist ein globaler Klimastreik geplant, an dem nicht nur junge Menschen teilnehmen sollen. Außerdem will das "Klimakabinett" der Bundesregierung an diesem Tag über ein konkretes Maßnahmenpaket entscheiden.

Nach Auffassung von Klimafolgenforscher Kriegler aus Potsdam steht damit gewissermaßen der erste Lackmustest tatsächlich bevor: Wie ernst nimmt die Politik die Bewegung wirklich? Es ist aber unwahrscheinlich, dass alle Forderung der jungen Klimaaktivisten zeitnah erfüllt werden. Auch deshalb stellt sich die Frage, wie es weitergehen wird mit "Fridays for Future".

Selbst der einzige grüne Regierungschef in Deutschland, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg Winfried Kretschmann, hatte schon vor einigen Wochen deutlich gemacht, dass Schule schwänzen in seinen Augen keine Dauerlösung sein könne. Auch wenn Kretschmann die Bewegung grundsätzlich begrüßt und ihr Recht gibt, dass politisch zu wenig geschieht.

Neuer Druck, wenn wenig passiert

Die Methode Schulstreik dürfte als Kernelement bleiben, davon geht Protestforscher Sommer aus. Aber irgendwann werde die Frage nach neuen Aktionsformen kommen: "Wenn sie merken, dass wenig umgesetzt wird, werden sie versuchen, an anderer Stelle Druck zu machen." Auch stärkere inhaltliche Kämpfe und Diskussionen hält Sommer für möglich, wenn die Forderungen konkreter werden. Dass die Bewegung "Fridays for Future" verebbt, das glaubt Sommer nicht.

Wie erfolgreich sie aber am Ende wirklich ist, das wird sich in den Augen von Klimafolgenforscher Kriegler aus Potsdam erst in einigen Jahren zeigen und messen lassen. Carla Reemtsma von "Fridays for Future" jedenfalls ist überzeugt, dass der Protest, dass die Streiks weitergehen werden. Sie sagt, Klimaschutz sei kein Thema, das mal eben so vorbei sei: "So lange es keinen klaren Weg für eine vernünftige Energiewende, für eine vernünftige Verkehrswende, für eine sozial gerechte Klimaschutzpolitik gibt, so lange werden Leute auf die Straße gehen."

AUTOR/IN
STAND