Mahnwache für Notre-Dame in Paris nach dem Brand (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Kamil Zihnioglu/AP/dpa)

Kommentar der Woche Die Tragödie von Notre-Dame zeigt, was uns Menschen verbindet

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Als Notre-Dame brannte, kamen die Menschen nicht um zu gaffen, sondern um miteinander zu trauern. Es scheint, als habe die Kathedrale eine uralte Verbundenheit in ihnen zum Leben erweckt. Ein Kommentar.

Wer hätte am Morgen des 15. Aprils 2019 gedacht, dass sich am Abend Tausende von Pariserinnen und Parisern an einem Ort einfinden würden - weit mehr als dies die "Gilets jaunes" bisher mit ihrem Protest vermocht haben.

Im Video: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verkündete am Dienstag, einen Tag nach dem Feuer in Notre-Dame, er wolle die Kathedrale innerhalb von fünf Jahren wieder aufbauen.

Sie kamen, um mit ihrem Entsetzen nicht allein zu sein

Die Menschen kamen, weil sie einem Drama beiwohnen wollten, dem Brand von Notre-Dame. Sie kamen nicht um zu gaffen, sondern um miteinander zu trauern und ihrem Entsetzen nicht allein zu sein. Junge und Alte, Männer und Frauen, Fromme und Nichtglaubende kamen zusammen - in Sichtweite die brennende Kathedrale.

Sie nahmen sich in die Arme, sie weinten, sie beteten, sie knieten auf der Straße, sie sangen fromme Lieder ebenso wie die Marseillaise, die französische Nationalhymne. Niemand wollte an diesem Abend allein zu Hause sein.

Mahnwache für Notre-Dame in Paris nach dem Brand (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Kamil Zihnioglu/AP/dpa)
Eine Frau betet bei der Mahnwache für Notre-Dame in Paris am vergangenen Dienstag. picture alliance/Kamil Zihnioglu/AP/dpa

Eigentlich sind Kirche und Staat in Frankreich strikt getrennt...

Aber wie kann das sein? Wo man doch in Frankreich seit der Revolution strikt zwischen Kirche und Staat trennt? Laizismus heißt das Stichwort. Immer wenn jemand den Versuch macht, daran zu rühren, das Verhältnis von Kirche und Staat zu reparieren - wie das Emmanuel Macron bei einem Treffen mit der französischen Bischofskonferenz schon gesagt hat -, gehen die Wogen hoch.

"Um Himmelswillen, nein, an der Trennung ist festzuhalten", so der aufgebrachte Tenor. Die Gottesdienste in Frankreich sind schlecht besucht. Man hat sich innerlich eigentlich schon lange von der Kirche distanziert. Man hält sich den institutionalisierten Glauben buchstäblich vom Leibe.

Aber...

Aber dann brennt Notre-Dame und es scheint so, als ob dieser Brand eines Gotteshauses - aber auch eines Symbols für Paris, für Frankreich und für Europa - eine uralte Verbundenheit zum Glauben, zur Identität, zur Gemeinsamkeit aus dem Dornröschenschlaf wieder zu Leben erweckt hat.

Aufnahme der brennenden Kathedrale Notre-Dame am Montag in Paris (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Cedric Herpson/AP/dpa)
Das Panoramabild zeigt die verheerenden Flammen in Notre-Dame am Montagabend. picture alliance/Cedric Herpson/AP/dpa

Eine Kirche brennt ab und der Präsident kann sagen: Wir alle sind getroffen. Das ganze Land, alle Franzosen - Laizismus hin oder her. Dieses Ereignis zeigt aber auch, dass unsere digitale Kultur noch auf wackligen Beinen steht und vielleicht nie die Stabilität bekommt, wie sie bisher die großen verarbeiteten Baumstämme im Dachstuhl von Notre-Dame unter Beweis gestellt hatten.

Wir sind - trotz der digitalen Welt - analog erschütterbar

Unsere Kommunikation ist digital, unsere Büros arbeiten digital, unsere Identitäten werden digital verwaltet, aber wir hängen noch an der Materie. Wir hängen an realen Symbolen, an Bauwerken, Briefen, Büchern, greifbaren Gegenständen, die wir als Souvenirs, also als Erinnerungen bezeichnen.

Weil die Welt um uns herum und wir selbst auch immer noch analog, Material und Körper, sind. Da verwundert es dann nicht mehr, dass wir trotz aller Coolness und Abgeklärtheit bei Katastrophen noch analog erschütterbar sind. Erst Recht, wenn es um Symbole unserer Identität geht.

Alle in Europa von christlicher Kultur geprägt, ob sie wollen oder nicht

Und jeder Agnostiker oder Atheist in Europa kann dem Fakt nicht entrinnen, dass er von der christlichen Kultur geprägt ist, ob er will oder nicht.

Aber diese gemeinsame Erschütterung ist von Zeit zu Zeit auch notwendig, damit wir nicht vergessen, was uns verbindet. Dass wir eben als Menschen nicht allein sind. Sie zeigt uns, dass wir Grenzen haben und uns gerade dann gegenseitig brauchen, wenn wir diese Grenzen überschreiten oder man uns gewaltsam Grenzen setzt.

Symbol des Wiederaufbaus, der Auferstehung aus Ruinen

Vielleicht wäre das die größte Armut unserer Kultur: Wenn wir unsere Wurzeln vergessen hätten, wenn uns der Brand von Notre-Dame nicht mehr anrühren würde. Wir lebten dann nicht mehr nur in Armut, sondern sogar in einer Art geistigen Prekariats.

Pariser Kathedrale Notre-Dame innen nach dem Brand (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Christophe Petit Tesson/EPA POOL/AP/dpa)
Blick ins Innere von Notre-Dame nach dem Brand picture alliance/Christophe Petit Tesson/EPA POOL/AP/dpa

Das leuchtende Altarkreuz der Kathedrale über Schutt und Asche, in dieser Woche in vielen Zeitungen zu sehen, mahnt deshalb zur Rückbesinnung und zum Wiederaufbau, buchstäblich zur Auferstehung aus Ruinen. Alle sind angesprochen - nicht nur die Frommen.

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