Familie Rüschemeyer (Foto: SWR, Gerald Pinkenburg)

Aus Angst vor den Folgen Familie "flieht" wegen des Brexits aus Großbritannien

AUTOR/IN

300.000 Deutsche leben auf der britischen Insel. Um dort zu arbeiten, dort zu leben. Je näher der tatsächliche Austritt Großbritanniens aus der EU kommt, um so unabsehbarer sind die Konsequenzen. Und deshalb fliehen viele von der Insel.

Auf den ersten Blick wirkt alles wie wie in einer ganz normalen Familie: Mutter, Vater, zwei Kinder: Die Rüschemeyers. Sie leben in einer Altbauwohnung in Freiburg. Die gehört ihnen nicht - auch das ist noch nichts Besonderes. Doch auch die meisten Möbel gehören ihnen nicht. Für ein Jahr haben sie die Wohnung nämlich von einer Familie übernommen, die es aus beruflichen Gründen nach Shanghai zog.

Die Rüschemeyers selbst kamen im Juli 2019 aus England hierher. Nicht wirklich freiwillig. Aus Angst vor den Folgen des Brexits auf der Insel gaben sie ihre Jobs im nordenglischen York auf. Vor allem wegen der Kinder, wie die gebürtige US-Amerikanerin Shirley-Anne Rüschemeyer im Video erzählt:

Dauer

Harter Schnitt für die Uni-Professorin

Für Shirley-Anne war der Schritt - weg aus York, hin nach Freiburg - besonders schwer. Sie hatte einen sicheren Job als Professorin an der Universität der Stadt. Den hat sie schweren Herzens erstmal ruhen lassen. "Es war nicht wegen York, nicht wegen der Menschen", sagt Shirley-Anne. "Wir hatten einfach Angst vor dem Brexit". Ein Hintertürchen - zurück nach York - hat sie sich offen gelassen. Doch sie ist auch realistisch, wenn sie sagt: "Wahrscheinlich wird das nichts."

"Brexiteers" als Nachbarn in York

Auch für die Kinder Sophia und Isabell war der Umzug nicht leicht. Zwar ist ihr Vater Georg Deutscher, deshalb beherrschen sie die Sprache auch schon perfekt. Vor allem die neunjährige Isabell aber vermisst ihre Freunde und den Hund "Minnie", einen Yorkshire-Terrier ihrer ehemaligen Nachbarn in York. Das Spannende daran: Die waren Befürworter des Brexits. "Die waren eigentlich am meisten enttäuscht, dass wir gehen", sagt Shirley-Anne. Sie hätten deutlich gespürt, was der Brexit bedeuten kann und "haben geweint, als wir weggingen."

Neuer Anfang in Freiburg

Georg Rüschemeyer fand in Freiburg einen Job als Wissenschaftsjournalist, das machte den Einstieg für die Familie etwas leichter. Schwieriger sieht es da schon für Shirley-Anne aus. Zwar werden auch in der Unistadt Freiburg Professorinnen gebraucht, doch leicht wird es für sie nicht, hier neu einzusteigen.

Eine Lehrerin "flieht" aus London vor dem Brexit

Ganz ähnlich wie den Rüschemeyers ging es auch der 35-jährigen Lehrerin Judith Schwittek. Seit August 2019 lebt sie wieder in ihrer Heimatstadt Bochum. Zuvor hatte sie zunächst in Brighton an einer der renommiertesten Privatschulen des Landes Deutsch und Geographie unterrichtet, wechselte dann nach London. Auch Judih Schwittek ist vor allem wegen des Brexits wieder in Deutschland. Im Audio erzählt sie, wie es war, als sie am Morgen nach dem Referendum an ihrem Studienort Brighton aufwachte.

Dauer

Wiedereinstieg in Deutschland nicht ohne Hürden

Judith Schwittek lobt vor allem die Qualität ihrer Ausbildung in England, die sie als deutlich besser empfand, als in Deutschland. Zudem fand sie sich, auch als Ausländerin, in England sehr gut betreut und aufgehoben. Doch nun - zurück in ihrer Heimatstadt Bochum - drohen neue Hürden: "Die Bürokratie ist schon heftig", sagt sie. "Ich bin gut ausbildet, Lehrerinnen werden gesucht." Trotzdem werden ihre Zertifikate des Noch-EU-Landes Großbritannien auf Herz und Nieren geprüft. "Wenn die mich hier nicht wollen, gehe ich halt doch wieder zurück", sagt Judith Schwittek - mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn gefallen hat es ihr in London schon sehr.

AUTOR/IN
STAND