SWR (Foto: SWR)

30 Jahre nach der Wende. Ein Kommentar Rausch der Freiheit, Kater danach

AUTOR/IN

Im Wendeherbst 1989 haben sich die Ostdeutschen ihre Freiheit selbst erkämpft - ein Grund, stolz zu sein, meint Stefan Giese. Auch wenn der Preis der Freiheit für viele sehr hoch war.

Am Samstag jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum 30. Mal. Das Freiluftgefängnis namens DDR öffnete endlich seine Tore – auch für mich als Heranwachsender. Dem vorausgegangen waren Massendemonstrationen zunächst in Leipzig, dann in so ziemlich jeder größeren ostdeutschen Stadt. Staatssicherheit und Volkspolizei vermochten es nicht mehr, den Freiheitswillen der allermeisten DDR-Bürger zu unterdrücken. Es blieb weitgehend friedlich. Ein Glücksfall der deutschen Geschichte.

Der SWF berichtete am 10. November 1989 in einer Sondersendung über den Fall der Mauer in Berlin:

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
16:05 Uhr
Sender
SWR2

Sicher, dem Rausch der Wende folgte ein heftiger politischer Kater, der – siehe die jüngsten Landtagswahlergebnisse – noch immer nachwirkt. Der Preis für die Freiheit waren existentielle Zumutungen, die den Menschen in der alten Bundesrepublik erspart geblieben sind: Das Überstülpen fremder staatlicher und gesellschaftlicher Strukturen. Der Zusammenbruch (in mancher Augen: die Zerschlagung) der ostdeutschen Wirtschaft. Die Massenarbeitslosigkeit nach der Scheinvollbeschäftigung zu DDR-Zeiten. Die enorme Abwanderung nach Deutschland West. Wer das heutige Ostdeutschland mit seinen "abgehängten Regionen" und seinen "frustrierten Wählern" verstehen möchte, muss sich diese Zumutungen klar machen.

Im Herbst 1989 überwog die Freude, und so wird es auch am Samstag sein. Die Ostdeutschen haben auch allen Grund dazu, schließlich haben sie ein diktatorisches Regime gestürzt und – anders als die "Brüder und Schwestern" im Westen – ihre Freiheit selbst erkämpft. Das ist ein Grund, stolz zu sein.

AUTOR/IN
STAND