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20 Jahre web.de Von Computer-Freaks zu Internet-Playern

Eine Geschichte wie von amerikanischen Garagen-Firmen - aber mitten in Baden-Württemberg: In Karlsruhe tüfteln zwei Brüder an innovativer Software und gründen 1995 das Internet-Portal web.de.

Angestellte des Webportalbetreibers WEB.DE arbeiten in ihren Büros am Firmensitz in Karlsruhe

2003: Ein Blick in die Büros des Webportal-Betreibers web.de am Firmensitz in Karlsruhe

In Karlsruhe haben zwei Brüder - Michael und Matthias Greve - in den 1980er Jahren ihre ersten Software-Programme entwickelt und 1995, mit gerade einmal Anfang 20, eine Firma gegründet. In kurzer Zeit war das Unternehmen deutschlandweit bekannt und etabliert: Das Internetportal web.de. Am Freitag feiert web.de sein 20-jähriges Bestehen. Die Firma sitzt noch immer in Karlsruhe, auch wenn die Gründer längst andere Projekte haben und sich vom Medienrummel fern halten.

Rebecca Müller hat zwei ihrer engsten Vertrauten getroffen, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten gemeinsam mit dem Brüderpaar eine Zeit erlebt haben, die heute so nicht mehr vorstellbar ist.

Keine Garage, aber ein Zwei-Familienhaus in Durlach

Internetseite web.de

Das Internetportal web.de heute

Trifft man Matthias Hornberger, steht man einem Top-Manager gegenüber, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Kaum vorstellbar, dass der gelernte Kaufmann als Seiteneinsteiger in die IT-Branche gekommen ist. Wenn er in die 1990er Jahren zurückblickt, wirken die wie graue Vorzeit. In einem Zweifamilienhaus traf er damals auf die Brüder Michael und Matthias Greve, die sich - damals noch von der staatlichen Bundespost - einen Internetanschluss hatten legen lassen und bereits klar vor Augen hatten, was andere nicht einmal erahnten. "Matthias Greve hat damals gesagt, das Internet wird das wichtigste Medium des 21. Jahrhunderts. Das war wirklich sehr zukunftsweisend, sehr visionär. Darauf hat man sich dann gestürzt."

Das Team stolperte förmlich über den eigenen Erfolg. Strukturen gab es noch keine. Die ersten Server standen auf dem Flur und trat jemand auf das Kabel, ging das ganze Portal offline. Die neue Technologie eröffnete unvermittelt ganz neue Formen von Geschäftsmodellen, so dass sich Matthias Hornberger immer wieder die Augen rieb: "Das hat einen teilweise wirklich den Kopf schütteln lassen, was alles möglich ist. Man steht immer so ein bisschen wie das kleine Kind vor dem Weihnachtsbaum, wenn man neue Produkte ausprobieren kann. Das sind unglaubliche Wachstumszahlen."

Visionäre und Management

Voraussetzung dafür war die wachsende Leistung der Computer, die in immer kürzerer Zeit immer mehr Daten verarbeiten konnten, und zugleich die verstärkte Nachfrage nach Online-Diensten in der breiten Bevölkerung. Erfolg und Misserfolg liegen im Internet-Geschäft eng beieinander. Dass Erfolg auch überfordern kann, bekamen die jungen Männer deutlich zu spüren. Während web.de vor dem Börsengang im Jahr 2000 gerade einmal 30 Mitarbeiter hatte, waren es eineinhalb Jahre später bereits zehn Mal so viele. Platz dafür fand sich in in einem alten Fabrikgebäude in der Nachbarschaft. Plötzlich leiteten die einstigen Computer-Tüftler eine Firma von mittelständischem Format.

Werbung neu erfinden - fürs Internet

Karlsruhe - United Internet Rechenzentrum der Firmen 1&1, web.de und gmx in der 1&1 Niederlassung in der Brauerstraße. Blick auf die Teile der Lüftungsanlage auf dem Dach des Gebäudes.

Das United Internet Rechenzentrum der Firmen 1&1, web.de und gmx in Karlsruhe

Frank Schüler, der in New York bereits als Berater Erfahrung gesammelt hatte und nach Karlsruhe gewechselt war, erinnert sich an viele schwierige Momente in den Folgejahren: "Tatsächlich war das auch dann eine harte Zeit. Also gerade nach dem Börsengang. Man hatte keine Ahnung wie man denn jetzt das Geld verdienen wollte. Das musste alles aufgebaut werden, erfunden werden. Es gab keine Internetwerbung, die irgendwie existent war. Also mussten wir irgendwo diesen Markt erschließen."

Der Werbemarkt war bislang von klassischen Zeitungsanzeigen und Fernsehspots geprägt. Für Internetkunden mussten neue Produkte erfunden werden, um sich zu finanzieren. Obwohl direkt nach dem Börsengang von web.de die Internetblase der New Economy platzte und die Aktien in den Keller fielen, konnte sich das Portal halten. Anker war der kostenlosen E-Mail-Dienst, bei dem sich Millionen Nutzer angemeldet hatten.

Vom Erfolg überrumpelt: Börsengang und Vorreiter für die Technologie

Jan Oetjen, 1&1-Vorstand und Geschäftsführer von gmx und web.de, in einem 1&1-Rechenzentrum in Karlsruhe

Chef heute: Jan Oetjen, 1&1-Vorstand und Geschäftsführer von gmx und web.de, in einem 1&1-Rechenzentrum in Karlsruhe

Starke Nerven waren trotzdem gefragt, erzählt Frank Schüler: "Am Anfang war natürlich dieser Börsengang. der alles in Beschlag genommen hat. Dann war man an der Börse und hatte aber kein Geschäft. Dann ging es darum, dieses Geschäft aufzubauen. Gleichzeitig die Firma aufzubauen. Dann haben wir auch viele neue Dinge probiert - versuchten, hier auch Vorreiter zu sein. Einiges hat funktioniert, anderes hat nicht funktioniert." So konzentrierte sich web.de zunehmend aufs Kerngeschäft, bis die Gründer ihre Firma schließlich für 475 Millionen Euro verkauften.

Logos des Internetdienstanbieters 1&1, WEB.DE, GMX, united internet media und united internet dialog, aufgenommen am 07.01.2015 am Standort Karlsruhe (Baden-Württemberg).

Europäische Internet-Player: Die Firmenfamilie unter einem Dach

Heute ist web.de Teil der 1&1-Gruppe und hat seinen Firmensitz noch immer in Karlsruhe. Die Gründer von damals finanzieren heute andere junge Start-ups. Denn was die Entwicklungen im Online-Bereich betrifft, sei man noch lange nicht angekommen.

Frank Schüler betont: "Es gibt die Finanzwelt - die Versicherungswirtschaft wird sich massiv ändern und letztendlich auch das gesamte Thema, was man mit den Stichworten 'cloud computing' oder 'software as a service' begonnen hat, wird weitergehen. Es wird immer mehr Dinge geben, die nicht mehr als Software innerhalb der Firmen entwickelt werden, sondern, die man aus dem Internet beziehen kann. Das ist noch lange nicht zu Ende."

Online: Heidi Keller