Ein Revolver liegt in einem Koffer (Foto: SWR)

Der Amoklauf - Winnenden 10 Jahre danach Aufräumen im Waffenschrank

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Nach dem Amoklauf von Winnenden wurden die Rufe nach schärferen Waffengesetzen lauter. Vor allem die Eltern der Opfer machten Druck. Doch was hat sich in den letzten 10 Jahren getan?

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"Die Sicht der Eltern ist klar", sagt Jens Rabe. "Es wurde nicht eingelöst, was Forderung und dann auch Versprechen war." Rabe ist Anwalt und vertritt fünf Familien, die beim Amoklauf in Winnenden Angehörige verloren haben. Auch zehn Jahre nach der Tat steht er noch in engem Kontakt mit den Betroffenen. "Meine Mandanten können und wollen nicht akzeptieren, dass Privatleute zu Sportzwecken immer noch über Waffen verfügen, mit denen man durch geschlossene Türen schießen kann", sagt er.

Dahinter steckt die Forderung des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden nach einem Verbot von großkalibrigen Waffen in Privatbesitz, die bis heute unerfüllt geblieben ist. "Wir wissen, dass das falsch ist", sagt Bernd Carstensen. Der Waffenexperte ist ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter und engagiert sich seit Jahren im Aktionsbündnis. "Wenn man Sportschütze ist und nur trainieren will, benötigt man diese großkalibrigen Waffen nicht", sagt er.

"Dann wollen Sie auch mal Porsche fahren"

Auf einer Veranstaltung habe ein Schütze zu ihm gesagt: "Herr Carstensen, stellen Sie sich vor, Sie wollen schnell fahren und haben immer nur einen Golf. Und dann sehen Sie, dass da ein Porsche steht – dann wollen Sie auch mal Porsche fahren." Carstensen hält vielen Sportschützen vor, dass es ihnen bei großkalibrigen Waffen in erster Linie um den Kick gehe.

Eine Verschärfung des Waffenrechts in Bezug auf großkalibrige Waffen ist aktuell nicht in Sicht. Auch der Versuch, halbautomatische Waffen in Privatbesitz vollständig zu verbieten, scheiterte. Dennoch war das Aktionsbündnis nicht erfolglos. In der Folge des Amoklaufs wurde der öffentliche Druck so groß, dass eine ganze Reihe von Änderungen ins Waffenrecht aufgenommen wurde. Zumindest für unter 18-Jährige ist das Training mit Großkaliber-Waffen mittlerweile verboten.

Deutlich mehr Kontrollen in Baden-Württemberg

Außerdem wurden die Vorschriften zur Aufbewahrung von Waffen in den letzten zehn Jahren immer wieder verschärft. Eine vorsätzlich falsche Aufbewahrung ist keine Ordnungswidrigkeit mehr, sondern eine Straftat, die mit bis zu drei Jahren Gefängnis geahndet werden kann. EU-weit wurden computergestützte Waffenregister eingeführt. Waffenbesitzer können mittlerweile auch verdachtsunabhängig kontrolliert werden. Die Zahl der Kontrollen in Baden-Württemberg hat sich seitdem vervielfacht.

Die Zahl der Waffenkontrollen in Baden-Württemberg ist nach dem Amoklauf in Winnenden 2009 sprunghaft angestiegen (Foto: SWR)
Die Zahl der Waffenkontrollen in Baden-Württemberg ist nach dem Amoklauf in Winnenden 2009 sprunghaft angestiegen (Quelle: Innenministerium BW)

So auch im Rems-Murr-Kreis. Zum Zeitpunkt des Amoklaufs besaß jeder fünfzigste Bürger im Landkreis eine Waffe. Seitdem standen die Kontrolleure bei fast jedem von ihnen schon einmal auf der Matte – angekündigt und unangekündigt. Die Beanstandungsquoten sind laut Landrat Richard Sigel seitdem drastisch zurückgegangen, und die Zahl der Waffenbesitzer im Rems-Murr-Kreis hat sich bis heute halbiert. Landesweit gibt es aber noch immer gut 690.000 registrierte Waffen, die sich auf knapp 120.000 Besitzer verteilen.

Sind illegale Waffen das eigentliche Problem?

Waffenbesitzer verweisen immer wieder darauf, dass mutmaßlich deutlich mehr illegale als legale Waffen im Umlauf sind. Diesem Problem versuchte die Politik unter anderem mit Amnestien beizukommen. Dabei können die Besitzer illegale Waffen straffrei bei den Behörden abgegeben. Bei der letzten Amnestie von 2017 bis 2018 kamen so landesweit rund 6.000 Waffen aus illegalem Besitz zusammen, die nach der Abgabe in der Regel vernichtet werden.

Waffenexperte Carstensen bestätigt zwar, dass illegale Waffen ein unübersichtliches Problem darstellen. Doch das Argument der Waffenbesitzer, dass die illegalen Waffen das eigentliche Problem seien, will er trotzdem nicht ohne Weiteres gelten lassen. Er verweist auf eine europaweite Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Das Ergebnis: Je restriktiver die Waffengesetze in einem Staat sind, desto niedriger fällt die Zahl der Morde und Suizide aus.

Prävention statt Restriktion?

Ralf Michelfelder hält die mittlerweile verschärften Waffengesetze für angemessen, wünscht sich aber einen anderen Fokus. Der 58-Jährige war bei dem Amoklauf vor zehn Jahren oberster Einsatzleiter der Polizei. Heute ist er Präsident des Landeskriminalamts. "Wenn wir uns auf das Waffenrecht konzentrieren, vergessen wir an der Ursache zu arbeiten", sagt er. Wichtiger sei es, potenzielle Täter frühzeitig zu erkennen. "Wir müssen weiter vorne ansetzen: Wie kommt es überhaupt, dass jemand eine Waffe in die Hand nimmt? Wir müssen ganz konzentriert an den Beginn schauen und nicht ans Ende."

Ralf Michelfelder, Präsident des baden-württembergischen Landeskriminalamts (Foto: SWR)
"Wenn wir uns auf das Waffenrecht konzentrieren, vergessen wir an der Ursache zu arbeiten", sagt Ralf Michelfelder, Präsident des Landeskriminalamts Baden-Württemberg

An den Beginn schauen will auch das Aktionsbündnis, das sich mittlerweile zur "Stiftung gegen Gewalt an Schulen" gewandelt hat. Deren Kritik am Waffenrecht hat sich zwar nicht verändert, dennoch hat sich der Schwerpunkt der Arbeit verlagert. "Zu Anfang hatten wir sehr viele Forderungen", sagt die Stiftungsvorsitzende Gisela Mayer. Sie hat beim Amoklauf ihre Tochter verloren, die damals Referendarin an der Albertville-Realschule war.

Heute kümmert sich die Stiftung im Wesentlichen um das Thema Gewaltprävention. Sie bietet Programme für Schulen an, unterstützt Mobbing-Opfer und begleitet entsprechende Forschungsprojekte. "Wir sind zwar nicht verantwortlich für das, was geschehen ist", sagt Mayer. "Aber wir sind sehr wohl dafür verantwortlich, was wir daraus machen."

Lesen Sie weiter in Kapitel 4: Training für den Ernstfall

Dieser Artikel ist Teil des SWR-Specials "Der Amoklauf - Winnenden 10 Jahre danach".

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