Anruf "Enkeltrick": So sollten Sie sich verhalten

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Felicitas Heyne
Psychologin Felicitas Heyne vor einer Backsteinwand in rotgemusterter Bluse, mit Brille (dkl.blaues Gestell) (Foto: privat)
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Sabine Stöhr

Dieser Telefontrick ist weit verbreitet: "Hier ist dein Enkel in Not, brauche Geld!" Und auch Menschen, die das wissen fallen darauf herein. Wir erklären, warum das ganz normal ist und wie Sie sich am besten schützen.

Eine ältere Frau hält vor dunklem Hintergrund den Telefonhörer ans Ohr (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
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"Hallo Oma, ich bin dein Enkel Jakob im Urlaub in Afrika. Ich hatte gerade einen Unfall. Wenn ich jetzt kein Geld zahle, verliere ich mein Augenlicht!"

So oder so ähnlich klingen die Anrufer, wenn sie unter Druck setzen wollen. Theoretisch wissen wir das. Und wir wissen auch, dass man darauf am besten nicht reagiert.

In der Realität sieht das aber ganz anderes aus: Plötzlich sind wir mittendrin in der Angst um den Enkel. Und das hat mit unserem Gehirn zu tun, erklärt SWR4 Psychologin Felicitas Heyne.

Warum schockiert uns dieser ein Anruf so?

Unser Gehirn will uns schützen, wenn Gefahr droht. Und bei solchen Anrufen ist die Gefahr schnell spürbar, denn es werden ganz schlimme Dinge behauptet:

Ein Motoroller liegt zerschmettert auf der Straße bei Dunkelheit. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
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- ein schlimmer Unfall ist passiert
- eine Notoperation ist nötig
- eine Gefängnisstrafe droht

Das alles betrifft zudem angeblich einen Menschen, der uns sehr nahe steht und den wir schützen wollen.

Das drückt im Gehirn ganz automatisch Knöpfe:

- wir sind persönlich und emotional betroffen
- wir kriegen Angst und Panik
- wir spüren den Druck, sofort zu handeln, um Schlimmeres zu verhindern.

Ein älterer Mann mit Strickweste hält mehrere 50-Euro-Scheine aufgefächert in der Hand (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
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Psychologin Heyne weiß: Das ist genau die Kombination, die in unserem Gehirn das logische Denken mit einem Schlag außer Kraft setzt.

Wir können nichts mehr abwägen oder ruhig überlegen. Stattdessen läuft nur noch das Notfallprogramm - wie ein Reflex.

Das ist das gleiche Notfallprogramm wie bei unseren Vorfahren als der Säbelzahntiger um die Ecke kam: Nicht denken - rennen! Nur: Beim "Enkeltrick" ist das nicht sinnvoll.

Was tun, damit das Gehirn nicht auf Autopilot schaltet?

Die nicht so gute Nachricht: Wir können nicht verhindern, dass das Notfallprogramm losläuft. Das tut es in der Regel ja, um uns vor Gefahr zu schützen.

Die gute Nachricht: Wir können es wieder einfangen und aktiv gegensteuern.

Anrufe mit "Enkeltrick" kann jeder erleben. Es hilft, wenn wir uns darauf vorbereiten.

Einfach mal durchzuspielen, wie das ablaufen könnte: Wer das in der Phantasie schon "erlebt" hat, steht in besseren Startlöchern.

Zwei Dinge sind besonders wichtig:

1. Zeit gewinnen!

Wenn der Betrüger am Telefon ist, erstmal hinsetzen, wer das kann, und durchatmen. Das bremst das losgeraste Notfallsystem ab, man kann zur Ruhe kommen.

Jetzt Zeit gewinnen und dem Anrufenden erklären: "Moment, bei mir hat es gerade an der Tür geklingelt. Ich rufe gleich zurück." Dann auflegen.

Noch besser: "Moment...ich rufe gleich zurück. Die Nummer von (deiner Mutter, dem Bruder) habe ich ja!"

Wer cool ist, fragt: "Wenn du mein Enkel/Bruder/Verwandter bist, dann weißt du sicherlich, wann Opa Geburtstag hat/wie mein Hund heißt?"

All das verschafft Zeit zum Nachdenken!

2. Jemanden dazuholen!

Danach jemand Vertrautem erzählen, was gerade passiert ist. Was hält die andere Person davon? Sie ist gerade emotional nicht so alarmiert und kann überlegter beurteilen, weiß die SWR4 Psychologin.

Eine ältere Frau mit grauen kurzen Haaren hält den Telefonhörer ans Ohr (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
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Trotzdem in die Falle gelaufen? Bloß keine Schamgefühle!

Jetzt nicht schweigen und sich mit der Scham zurückziehen!

Das Schamgefühl ist in solchen Situationen etwas ganz Natürliches. Das kennen viele, die dann denken: "Mensch, wie konnte ich denn nur so blöd sein!?"

Wichtig: Sich jetzt nicht selbst zum Täter machen. Wer den Enkeltrick erlebt, ist das Opfer, betont SWR4 Psychologin Felicitas Heyne.

Ein weißes mit der Aufschrift StGB Strafgesetzbuch (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
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Als Opfer hat man nichts Unrechtes getan. Im Gegenteil, man wollte ja helfen! Daher sollte man sich auf jeden Fall jemandem anvertrauen.

Jetzt Anzeige bei der Polizei erstatten. Damit kann man sogar ein weiteres Mal helfen: der Polizei, den Betrüger zu fassen, und anderen, die dadurch nicht zum Opfer werden müssen.

Wer ganz sichergehen will: Die SWR4 Schritt-für Schritt-Anleitung gegen den Enkeltrick ans Telefon legen. Sollte ein Betrüger anrufen, kann man direkt ablesen, was zu tun ist - und sein Gehirn ein bisschen austricksen!

SWR4 Psychologin Felicitas Heyne

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