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Experteninterview Rücksichtslosigkeit im Alltag

Auf der Autobahn drängelt sich noch schnell ein Auto zwischen Sie und Ihren Vordermann, oder vor Ihnen geht jemand ins Kaufhaus und lässt die Tür vor Ihrer Nase zufallen. Jeder von uns hat es schon mit rüpelhaftem Verhalten zu tun gehabt und es ist überhaupt nicht leicht, in solchen Situationen richtig zu reagieren. Was rät unser Psychologe Prof. Peter Glanzmann?

Menschen beim Einkaufen

Bei Dränglern an der Kasse: Ruhe bewahren.

Peter Glanzmann: Das Allerwichtigste ist, dass man sich nicht ärgert. Solche Situationen sind unangenehm, aber man sollte ihnen möglichst immer mit Höflichkeit und Humor begegnen, da man ja von Anfang an nicht weiß, was den Rüpel dazu bringt, sich so zu verhalten. Am besten versucht man, dieses rüpelhafte Verhalten ins Leere laufen zu lassen. An der Kasse im Supermarkt - oder wo auch immer - ist es ja nicht wichtig, ob ich da jetzt fünf oder sieben Minuten drin stehe. Aber es ist immer wichtig, eine Eskalation zu vermeiden. Und wir sollten uns nicht ärgern, weil dieses Verhalten nicht gegen uns geht.

Ist es das Beste, rüpelhaftes Verhalten einfach zu ignorieren?

Peter Glanzmann: Wenn es geht, ist es das beste. Man weiß zum Beispiel aus der Kindererziehung: Wenn Kinder etwas machen, was sich nicht gehört, ist es am besten, wenn ihr Verhalten keinen Effekt hat. Man lässt es einfach ins Leere laufen. Man ignoriert es. Und man kann gewiss sein, irgendwann werden die Kinder merken: "Aha, das was ich da mache, bringt nichts, also lasse ich es sein." Und genau so ist es auch mit den erwachsenen Rüpeln. Wenn die merken, dass ihr Verhalten keinen Erfolg hat, werden sie damit aufhören. Denn das ist genau das, was die Rüpel haben wollen. Die wollen ja oft einen Streit provozieren. Also diese Wettrennen vor der Ampel oder auf der Autobahn. Diese Leute lässt man am besten mit sich selber spielen und idealerweise lächelt man über sie.

Sollte man den Rüpel vor den anderen bloß stellen?

Peter Glanzmann: Dieses Bloßstellen würde ich nicht machen, denn das kann leicht zur Eskalation führen. Eskalation ist immer eine schlechte Methode mit Krisensituationen umzugehen. Aber was Sie zum Beispiel machen können, ist Humor anzuwenden und zu dem Vordrängler sagen: "Würden Sie mich bitte vorlassen, ich bin Arzt". Die Lächerlichkeit dessen, was der Mensch da macht, kann man auf diese einfache Art demonstrieren. Und das gibt einem selber vielleicht auch ein gutes Gefühl.

Warum benehmen sich Leute überhaupt rüpelhaft?

Peter Glanzmann: Es gibt drei Möglichkeiten. Entweder sie machen's aus Versehen. Ich weiß es von mir. Ich hab auch schon aus Versehen manches dummes Ding gedreht, das mir in dem Moment nicht aufgefallen ist, sondern mir erst hinterher bewusst wurde. Oder Leute machen es mit Absicht. Die wollen dann wirklich Krawall machen.

Drängler im Rückspiegel

Fahren Männer hormongesteuert?

Die allermeisten Leute kennen die Regeln nicht. Sie wissen nicht, dass das, was sie tun, etwas ist, das sich nicht gehört. Und dass man im Zusammenleben einer Gemeinschaft ganz bestimmte Regeln beachten muss, weil das dem Wohle aller dient. Die denken dann: "Mir gehört die Welt" und nehmen auf andere keine Rücksicht. Das sind Menschen, die oft auch keinen Respekt haben, weil sie sich nicht in andere rein fühlen können. Die haben das Einfühlungsvermögen eines Marmorblocks, nämlich überhaupt keines.

Ich denke, dass rücksichtloses Verhalten auch etwas mit den Hormonen zu tun hat: Es ist ja kein Zufall, dass sich mehr Männer als Frauen so verhalten. Da spielt auch das Testosteron eine Rolle, aber wir sind ja nicht nur von unseren Hormonen gesteuert, wir haben ja auch ein Gehirn.

Wie schaffe ich es, im richtigen Moment schlagfertig zu reagieren?

Peter Glanzmann: Es geht nicht um die Schlagfertigkeit. Man muss erst mal verstehen, dass das nicht gegen einen selber gerichtet ist. Man muss nur wissen: "Aha, da ist ein Rüpel". Die schlagfertigste Reaktion, die ich für mich persönlich entdeckt habe, ist zu denken: "Mensch, ist dieser Mensch blöd". Und ich freue mich dann, dass ich nicht so blöd bin. Ich glaube das ist diese geheime Schlagfertigkeit, die man sich auch antrainieren kann. Ich würde auf diese Leute gar nicht eingehen. Denn der Aufwand, den man betreiben muss, lohnt sich meistens nicht. In der Schlange im Supermarkt geht es meistens um nicht viel. Genau so auf der Straße. Ob ich jetzt als dritter oder als vierter über die Ampel fahre, das ist sowas von unwichtig. Es lohnt sich einfach nicht, sich von anderen in diese Kampfsituationen einbinden zu lassen.

Was kann man selbst tun, um rücksichtsvoller zu sein?

Seniorenbus

Zum Wohl des großen Miteinanders: Älteren Menschen im Bus den eigenen Sitzplatz anbieten.

Peter Glanzmann: Wichtig ist es, sich als Teil eines großen Miteinanders wahrzunehmen und nicht als Gegner. Es hilft, sich in den anderen hineinzuversetzen. Außerdem hilft es, längerfristig zu denken. Wer an der grünen Ampel losrast, um an der nächsten in Sichtweite gleich wieder bremsen zu müssen, hat wahrlich nichts gewonnen. Ganz wichtig ist, sich folgende Erkenntnis der Forschung ins Gedächtnis zu rufen: Sich sozial zu verhalten ist nicht nur für die anderen, sondern für einen selbst besser. Menschen, die sich rüpelhaft oder rücksichtlos verhalten führen oft ein Leben im "Kriegszustand". Das ist auf Dauer nicht gesund.

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