Unsere Haut Das unterschätzte Organ

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Herz, Lunge, Magen - über diese Organe sprechen wir ständig. Die Haut steht selten im Mittelpunkt. Dabei ist sie unser größtes Organ und spielt sogar beim Sex eine wichtige Rolle.

Ärztin Lupe Haut Frau (Foto: SWR, SWR - SWR)
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Als Organ so wichtig wie das Gehirn

Die Haut ist das ausgedehnteste und empfindsamste, neben dem Gehirn vielleicht das wichtigste Organ des Körpers. Über die Haut lernen wir uns auszutauschen. Die Hautoberfläche ist empfänglich für alle Reize von außen: Hitze, Kälte, Schmerz, Wohlbefinden. Wahrgenommen werden sie über eine Art Tastkörperchen. Von der Haut bis zum Rückenmark führen über eine halbe Million Sinnesfasern.

"Liebe geht über die Haut"

Überlebenswichtig ist der Hautkontakt für den frisch geborenen Säugling. Deshalb legen die Mediziner auch heutzutage Frühchen der Mutter möglichst schnell auf die Brust statt wie früher in den Brutkasten. Denn es wurde erkannt, dass die Körperwärme und die mütterliche Zärtlichkeit weitaus wirksamer sind als Apparatemedizin. Kinder hören auf zu schreien, wenn sie gestreichelt werden. Die liebevolle Berührung auf der Haut ist also ein Bedürfnis, das befriedigt werden muss, damit sich das Kind zu einem gesunden menschlichen Wesen entwickeln kann.

Die vier Funktionen der Haut

  • Sie schützt das Innere des Organismus vor Verletzungen und Strahlenschäden und vor dem Eindringen fremder Stoffe.
  • Sie reguliert die Körpertemperatur.
  • Als Stoffwechselorgan sorgt sie für einen ausgeglichenen Wasser- und Salzmetabolismus, dient als Fettdepot.
  • Sie ist ein Sinnesorgan.

"Das geht mir unter die Haut"

Kuschelndes Paar (Foto: SWR, Imago/McPHOTO -)
Imago/McPHOTO -

Auch Sexualität geschieht vor allem über die Haut. Heutzutage wird sie nicht mehr als reine Möglichkeit gesehen, Triebe auszuleben, sondern als der tiefste Akt der Kommunikation, zu dem wir Menschen fähig sind. Der sexuelle Kontakt gilt als eines der intensivsten menschlichen Erlebnisse überhaupt und ist nur möglich, weil unsere Haut so sensitiv und empfänglich ist für Berührung und Stimulierung.

Wie wichtig es ist, dass Menschen sich berühren und sich in den Armen halten, zeigen viele Redewendungen. Wir sprechen davon, dass wir Menschen "richtig anfassen", dass uns etwas "unter die Haut geht", dass es "dickfellige" oder "dünnhäutige" Menschen gibt. Ein tief gefühltes Ereignis "berührt" uns.

Andersherum können Regungen, die in unserem Inneren stattfinden, nach außen auf die Haut dringen. So äußern sich verdrängte Gefühle der Frustration, des Zorns, des Ärgers oder der Schuld oft mit einem Jucken und Kratzen, auch wenn dort kein Ausschlag vorliegt. Dieses Phänomen fällt unter den weiten Begriff der Psychosomatik.

Wenn die Haut krank ist: Neurodermitis

Kind mit Neurodermitis am Arm (Foto: SWR, picture-alliance / dpa -)
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Eine häufige Hauterkrankung in Deutschland ist die Neurodermitis. Für jeden erkennbar an ausgeprägten Hautausschlägen bis hin zu großflächigen Entzündungen, begleitet von einem teilweise unerträglichen Juckreiz. Der Verlauf ist unberechenbar und langwierig. Zugrunde liegt eine erbliche Neigung zum Ekzem, die mit Heuschnupfen und allergischem Asthma einhergehen kann (Atopiker). Bei jedem Patienten gibt es andere Auslöser, damit sind auch unterschiedliche Behandlungen nötig.

Auslöser ("Trigger") können sein: die Jahreszeit, psychischer Stress, Chemikalien, Allergene, zum Beispiel in Nahrungsmitteln oder in der Luft (Pollen), Infekte durch Viren oder Bakterien.

Behandelbar, aber nicht heilbar

Die Behandlung von Neurodermitis wird immer auf mehreren Säulen stehen. Die Pflege von außen (Bäder, Tinkturen, Cremes, auch mit Cortison) ergänzt die Pflege von innen (Medikamente wie Antihistaminika oder Antibiotika und Ernährungsumstellung). Kurzfristige Klimawechsel (Hochgebirge oder Meer) wirken Wunder! Gegen Stress werden Yoga, autogenes Training und andere Entspannungsverfahren empfohlen. Insgesamt gilt Neurodermitis heutzutage als gut behandelbar, aber nicht definitiv heilbar.

Alternative Behandlung: Hilfe durch Tagtraumtherapie

Eine besondere Art der Behandlung ist die KIP (Katathyme Imaginative Psychotherapie) oder Tagtraummethode. Diese psychotherapeutische Behandlung eröffnet Chancen für Menschen, die unter klassischen Heilmethoden keine Besserung erfahren. Patienten werden im Rahmen einer Therapie aufgefordert, sich für 20 Minuten in eine Fantasiewelt zu begeben und darin ihre Gefühle wahrzunehmen. In einer Art Tagtraum können die Bedürfnisse der Kranken dargestellt und auf wohltuende Weise aufgegriffen werden, mit Wirkungen, die auf der Haut ablesbar sind.

Die heilende Wirkung der Fantasie

Mädchen malt (Foto: SWR, imago/Petra Schneider -)
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Ein Beispiel: Ein neunjähriges Mädchen mit chronischer Hautentzündung nimmt mehrfach "sein Bad" in einem Fantasie-See und genießt die damit verbundene heilende Wirkung. Diese fantastische Bilderwelt, in der es keine Konflikte gibt, wird kombiniert mit Gesprächen über die seelische Befindlichkeit des Mädchens in Stress-Situationen. Nach jeder Sitzung malt sie ihren Zustand.

Die Bilder werden immer positiver. Der Entspannungszustand ist also mit dem Imaginieren (Fantasieren) schöner und guter Bilder verbunden. Er führt dazu, dass die Patientin ein Stück weit die "Kontrolle" über ihre Beschwerden wieder erlangt und das befreiende Gefühl von Selbstwirksamkeit erfährt. Die Hautentzündung geht sichtbar zurück.

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