Ein Mann breitet seine Arme aus und schaut in einen Sonnenuntergang bzw. Sonnenaufgang (Foto: Getty Images, Getty Images/Gajus -)

Stress bewältigen Resilienz - was die Seele stark macht

AUTOR/IN

Seelische Erkrankungen nehmen drastisch zu. Immer mehr Menschen leiden unter Depressionen oder Erschöpfungszuständen. Die Zahl der Arbeitsausfälle wegen psychischer Probleme hat sich in 20 Jahren sogar verdreifacht. Sind wir nicht resilient genug?

Was ist Resilienz und wofür brauchen wir das?

Resilienz nennt man die seelische Stärke eines Menschen, selbst mit widrigsten Lebensumständen gut umzugehen. Das Wort „resilire“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „abprallen lassen“, „zurückspringen“, „Abstand nehmen“.  Viele können das nicht. Wie Menschen Krisenmomente in ihrem Leben bewältigen, ist sehr unterschiedlich, und das ist unabhängig von der Schwere des Ereignisses. Der Tod eines Angehörigen oder ein traumatischer Verkehrsunfall können einen Menschen in eine tiefe Depression werfen. Oder er geht relativ unbeschadet, vielleicht sogar gestärkt daraus hervor. Das hängt davon ab, wie resilient er ist.

Psychische Störungen immer weiter verbreitet

Statistisch gesehen wird jeder dritte Erwachsene in Deutschland im Zeitraum eines Jahres psychisch krank (Quelle: Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde). Obwohl es inzwischen vielfältige Therapieangebote gibt, bessern sich die Zahlen nicht. Erschöpfung und Entfremdung nehmen zu, hat die Psychologin Dr. Donya A. Gilan festgestellt. Der Zwang, sich in der Arbeitswelt anzupassen, werde immer größer. Zehn Prozent aller Deutschen hätten keine gute Möglichkeit, sich vom alltäglichen Stress zu erholen, abzuschalten, „runterzukommen“.

Gestresste Frau stützt ihren Kopf auf die Hand (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Picture Alliance

Was zeichnet resiliente Menschen aus?

Dass ein Mensch seelische Widerstandskraft besitzt, zeigt sich besonders in Krisen. Der resiliente Mensch ist geistig sehr beweglich und schätzt Lebenssituationen gut ein. Unvermeidliches kann er akzeptieren. Er kennt aber auch seine Ressourcen und glaubt daran, dass sein Handeln wirksam ist. Seine Emotionen kann er gut steuern. In schweren Schicksalsschlägen kann er einen übergeordneten Sinn erkennen. Von großer Bedeutung ist, dass er ein Umfeld hat, das ihn unterstützt und ihm Vertrauen gibt.

„Nichts stärkt einen Menschen mehr als das Vertrauen, das er bekommt.“

Paul Claudel, französischer Schriftsteller und Dichter

Was verspricht die Forschung?

Hoffnung kommt aus der Resilienzforschung: Die Wissenschaftler sind davon überzeugt, dass man künftig seine Resilienz trainieren kann. Da man aber bisher viel zu wenig weiß, um konkrete Trainingsprogramme zu entwickeln, muss noch geforscht werden. Im Deutschen Resilienz Zentrum in Mainz zum Beispiel läuft derzeit eine große Untersuchung. WissenschaftlerInnen wie Dr. Gilan wollen herausfinden: Wie entsteht Resilienz? Welche Faktoren begünstigen sie? 800 junge Menschen auf der Schwelle zum Erwachsenwerden nehmen daran teil und werden in kurzen Abständen immer wieder untersucht und befragt. Die ForscherInnen hoffen, durch die Begleitung der jungen Leute in dieser Stresszeit konkrete Hinweise zur Resilienz zu bekommen.

Forscher betrachtet Hirnströme auf Monitoren (Foto: picture-alliance / Reportdienste, ZB)
ZB

Mit den Ergebnissen wollen sie dann in Zusammenarbeit mit ForscherInnen aus anderen Ländern Trainingsprogramme entwickeln, mit denen Resilienz geübt wird. Sie sollen vorbeugend eingesetzt werden, auch bei Menschen, die sehr geringe Resilienz aufweisen. Es geht um eine umfassende zukünftige Gesundheitsförderung in Schulen, Behörden und Betrieben, nicht um Krankheitsbehandlung. 

Kann man Resilienz messen?   

Das ist nicht einfach. Offenbar steuern komplexe Vorgänge im Gehirn die Resilienz. Bislang messen Forscher die seelische Widerstandskraft am Verhalten des Betroffenen und an körperlichen Merkmalen. Mit bildgebenden Verfahren wird z.B. die Erregbarkeit des Hirns untersucht. Blutuntersuchungen liefern Daten zu Botenstoffen und Stresshormonen. Die Leitfähigkeit der Haut wird geprüft, Haarproben liefern aufschlussreiche Ergebnisse. Die ProbandInnen beantworten Fragen nach ihren Gefühlen, ihrem Leben und Erleben, ihrer Alltagsgestaltung, ihren Konflikten und ihrem Verhalten bei Stress.

Was fördert Resilienz?

Offenbar bringen Gemeinschaften, in denen es einen großen Zusammenhalt gibt, Menschen mit einer ausgeprägten Resilienz hervor. Das hat man bei der Untersuchung von Bevölkerungsgruppen festgestellt. Ein gutes Beispiel ist die vietnamesische Kultur. Die Kinder der Geflüchteten aus dem Vietnamkrieg wurden von amerikanischen Familien adoptiert. Trotz der widrigen Startbedingungen waren alle erstaunlich resilient, überdurchschnittlich intelligent, sozial kompetent, leistungsstark und machten ihren Weg.

Gespräch mit Prof. Klaus Lieb, Leiter der Mainzer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Dauer
AUTOR/IN
STAND