Depression Gefangen im Land der langen Schatten

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Depression ist eine schwere Erkrankung der Seele, in westlichen Ländern die häufigste aller Gefühls-Erkrankungen überhaupt. Ihre Entstehung ist genauso komplex wie die menschliche Seele selbst - und sie kann jeden treffen. Doch für Betroffene gibt es berechtigten Anlass zur Hoffnung.

Frau steht alleine in einem Wendeltreppenhaus (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
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Mögliche Ursachen für Depression

Belastende Erlebnisse in der Kindheit, traumatische Ereignisse auf dem weiteren Lebensweg, aber auch organische Schäden wie Fehlfunktionen des Stoffwechsels, Hirnschädigungen oder Tumoren können zu Depressionen führen. Außerdem können Hormonstörungen und Lichtmangel die Entstehung der Krankheit begünstigen. Die Neigung dazu kann auch vererbt werden. "Deprimere" kommt aus dem Lateinischen und heißt, dass wir etwas "niederdrücken", also auch unterdrücken - etwa Aggressionen.

Keinerlei Freude und Hang zum Selbstmord

Bei einer Depression ist die Seele so geschädigt, dass sich das Gefühl einer unermesslichen Traurigkeit und Gleichgültigkeit breit macht: Das Leben erscheint sinnlos. Sport, Kino, Freunde treffen oder Kochen - nichts macht Spaß. Die Antriebshemmung ist enorm, einfachste Tätigkeiten fallen schwer. Menschen mit einer Depression können stundenlang mit versteinertem Gesicht auf einem Stuhl sitzen. Sie haben Schlafstörungen und kommen aus dem Grübeln nicht heraus. Dazu gesellen sich oft körperliche Anzeichen von Angst: Zittern, Schweißausbrüche, Herzrasen, Schwindelgefühl. Selbstmord wird als durchaus möglicher Ausweg gesehen.

Eine Erkrankung, die jeden treffen kann

Depressionen können in jedem Alter auftreten. Bei Jugendlichen sind sie schwerer zu erkennen, da sie sich hinter auffälligem Verhalten, Schulversagen oder Einzelgängertum verstecken können. Bei älteren Menschen führen die Einsamkeit im späten Lebensalter, schwere Krankheiten und der Verlust von Angehörigen häufig zur Depression.

Frauen erkranken doppelt so häufig an Depressionen wie Männer. Psychologen wie Ursula Nuber führen das darauf zurück, dass sie sich in der Partnerschaft oft unterordnen und sich schuldig fühlen, wenn diese trotzdem nicht funktioniert. Zu häufig wollen sie es allen recht machen - eine chronische Überforderung, die zwangsläufig zu Enttäuschung und Selbstabwertung führt.

Den Sinn der Depression erkennen

Mann hält sich Hände vors Gesicht (Foto: MAXPPP -)
Depressionen treffen Frauen wie Männer MAXPPP -

Depression wird von vielen Menschen als eine Abweichung von der Norm begriffen, deshalb wollen sie die Symptome möglichst schnell wieder loswerden. Therapeuten weisen aber darauf hin, dass sie damit die große Chance verpassen zu erfahren, was hinter ihrer Depression steckt. Oft ist ein totaler Rückzug die einzige vernünftige Reaktion auf unzumutbare Verhältnisse. Wenn die Lebenssituation geprägt ist von mangelnder Wertschätzung und Wahrnehmung, Ausbeutung und chronischer Selbstüberforderung, zieht die Seele die Notbremse. Der Körper begehrt auf gegen ungelöste Konflikte und untragbare Belastungen. Der Schweizer Psychiater Daniel Hell sieht in der Depression eine "zweckvolle Verkehrung des Organismus, um Schlimmeres zu verhüten. Die Weisheit des Körpers diktiert Ruhe und Rückzug, damit eine Erholung stattfinden kann."

Damit ein Mensch sein Energie nicht weiter unnütz in falsche Projekte oder falsche Menschen investiert, scheint es sinnvoll, dass er ausgebremst wird. Die Reflektion darüber, was im Leben bisher schief gelaufen ist und was man wirklich will und kann, heißt Depressionsarbeit. Sie passiert am besten im geschützten Rahmen einer psychotherapeutischen Beziehung.

Depression ist gut therapierbar

Unbehandelt dauern Depressionen bis zu einem Jahr, einige können sogar ein Leben lang chronisch verlaufen. Mittlerweile kann die Erkrankung aber gut therapiert werden, und die Heilungschancen sind hoch. Da Neurologen und Psychiater davon ausgehen, dass Depressionen mit Störungen des chemischen Gleichgewichts einhergehen, setzen sie gerne Medikamente ein. Moderne Antidepressiva greifen viel gezielter in den Stoffwechsel ein als die alten "Hämmer" und bergen nicht mehr die Gefahr der Abhängigkeit. Weil auch die neueren Antidepressiva Nebenwirkungen haben, setzen viele Ärzte auf die Natur: Hochdosiertes Johanniskraut zum Beispiel ist spürbar stimmungsaufhellend.

Psychotherapie und andere Behandlungsmöglichkeiten

In ihren Leitlinien schreibt die "Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie" allen Behandlern vor: Die Psychotherapie muss Vorrang vor den Medikamenten haben. Heilend wirken z.B. Verhaltenstherapie, psychoanalytisch begründete Verfahren wie die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die interpersonelle Therapie. Grundsätzlich ist es bei der therapeutischen Beziehung wichtig, Zuwendung von einem anderen Menschen zu bekommen. Das sollte in einem geschützten Raum passieren und auf gegenseitigem Vertrauen basieren.

Eine neue Behandlungsvariante ist die "Mindfulness-Therapie". Hier werden Teile der Verhaltenstherapie mit Achtsamkeitstechniken aus der buddhistischen Meditation kombiniert. Unter den alternativen Methoden hat die Wachtherapie verblüffende Wirkung gezeigt, ebenso die Lichttherapie. Begleitend können auch Homöopathie und Entspannungstechniken wie Yoga zum Einsatz kommen.

Kontakt suchen statt zurückziehen

Wichtig ist auch der eigene Umgang mit der Krankheit. Betroffene sollten ruhig offen mit Verwandten und Freunden über ihre Nöte reden, oft treffen sie unerwartet auf Verständnis. Sie sollten sich nicht aus ihrem Freundeskreis zurückziehen, denn Einsamkeit kann Depressionen rasant beschleunigen. Helfen kann auch, das Hobby zum Beruf zu machen - auch wenn das bedeuten kann, weniger zu verdienen. Die Seele wird es danken!

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