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Schlagerphönix aus der Aschenbahn Martin Lauer - sportlich und musikalisch Spitze

Seiteneinsteiger aus Film oder Sport genießen in der Schlagergemeinde selten mehr als den Status eines Paradiesvogels mit einem oder zwei mittelprächtigen Erfolgen. Anders bei Martin Lauer, der in den 1960er-Jahren bewies, dass er nicht nur Gold in den Kniekehlen hatte.


Am 02. Januar 1937 kam Martin Lauer in Köln zur Welt. In seiner Kindheit hat er viel Krieg und wenig Schule mitbekommen. Dennoch hatte es zum Abitur gereicht. In den 1950er-Jahren wurde der Leichtathlet zum Weltklasse-Zehnkämpfer. 1953 nannte er sich zum ersten Mal Deutscher Meister - bis 1960 sollte er diesen Titel fünfundzwanzig Mal bekommen. 1956 kam er bei den Olympischen Spielen in Melbourne auf den 5. Platz beim Zehnkampf. 1958 holte er den Europameister-Titel über 110 Meter Hürden. Der Coup, der ihn weltberühmt machte, gelang 1959. In Zürich lief er innerhalb einer Stunde gleich drei Hürden-Weltrekorde. Ein Jahr später ersprintete er Gold bei den Olympischen Spielen in Rom.

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Die Covergalerie von Martin Lauer

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Für „Sacramento“, die Premiere, hatte sich der Produzent Kurt Feltz das Pseudonym „Dick Martin - der Country-Sänger aus der deutschen Prärie“ einfallen lassen. Dem Rundfunk wurde der neue Sänger mit der Frage „Wer ist Dick Martin?“ angekündigt. Weiter: „... Klasse ist auch der neue Sänger - nämlich Dick Martin. Unter diesem Namen, respektive Pseudonym - verbirgt sich ein bekannter Mann…“ Das Geheimnis wurde dann vorab bei einer Fernsehshow gelüftet und "Dick Martin" ad acta gelegt.

Für „Sacramento“, die Premiere, hatte sich der Produzent Kurt Feltz das Pseudonym „Dick Martin - der Country-Sänger aus der deutschen Prärie“ einfallen lassen. Dem Rundfunk wurde der neue Sänger mit der Frage „Wer ist Dick Martin?“ angekündigt. Weiter: „... Klasse ist auch der neue Sänger - nämlich Dick Martin. Unter diesem Namen, respektive Pseudonym - verbirgt sich ein bekannter Mann…“ Das Geheimnis wurde dann vorab bei einer Fernsehshow gelüftet und "Dick Martin" ad acta gelegt.

Mehr als eine halbe Million Exemplare dieser Platte gingen über die Ladentische. Während „Die letzte Rose der Prärie“ ein Country-Song „made in Germany“ war, wählte man für die B-Seite einen echten amerikanischen Country-Klassiker aus : Der Claude King-Hit „Wolverton Mountain“ wurde in der Übersetzung von Kurt Feltz zu „Die blauen Berge“.

Am 23. Januar 1963 wurden die Titel für die Single-Veröffentlichung Nummer 3 aufgenommen: „Wenn ich ein Cowboy wär’“ und „Lass’ mich geh’n, Madeleine“. Auch hier diente für die B-Seite wieder ein erfolgsträchtiger Hit aus den USA als Vorlage: Steve Lawrence hatte mit dem Original „Go away little girl“ Anfang 1963 einen Nummer 1-Hit in den Staaten.

Im Juli 1963 erschien - ohne Berücksichtigung der späteren Hitkopplungen - die einzige LP von Martin Lauer. Sie enthielt die bislang veröffentlichten Single-Titel und Neuaufnahmen erfolgreicher Western-Hits der 1950er Jahre wie z. B. „Smoky“, „Das alte Haus von Rocky Docky“. Den Begleittext schrieb Martin Lauer selbst und schilderte seinen Werdegang: „Etwas über mich - wer will das schon wissen? Wenn man noch so jung ist, sollte man noch keine Memoiren schreiben. Aber wenn’s denn sein muss….“.

Zwei Paar Schuh’ und zwei Tramps und ein Herz und ein Sinn - Jim und Joe, Joe und Jim… Prärie-Poesie „Made in Germany“.

Ende 1963 wurde aus der im Sommer erschienenen LP „Am Lagerfeuer“ als Single ausgekoppelt.

In der Jahresauswertung 1964 der erfolgreichsten Polydor-Singles landete „Sein bestes Pferd“ auf dem 5. Platz.

Von den Pferden zu den Pferdestärken - unterwegs im „Taxi nach Texas“. In diesem Zusammenhang erzählte Martin Lauer in einem Interview: „Als man mir im belgischen Knokke den "Silbernen Löwen von Radio Luxemburg" für "Taxi nach Texas" verlieh, habe ich nach meinem Live-Vortrag Mitleidsstürme im Publikum ausgelöst. Ich war nicht nur jämmerlich auf den Beinen, ich hatte obendrein 40 Grad Fieber und war heiser wie ein Hamburger Fischverkäufer, der endlich seinen letzten Aal losschlagen will.“

1965 konnten sich die Western-Songs von Martin Lauer nur noch im Mittelfeld der Hitparaden platzieren. Dazu zählte auch „John Brown’s Baby“ - hier im Bild das Cover, welches in der Schweiz Verwendung fand.

Cornelius Marcel Peeters bzw. Peter Laine zeichneten für die meisten Kompositionen für Martin Lauer verantwortlich. Dabei handelt es sich um ein und denselben Mann: C. M. Peeters ist ein 1926 in Antwerpen geborener Komponist, Bandleader und Klarinettist, der sich das Pseudonym Peter Laine zulegte. Bei dieser Single ist bei „Silver Dollars“ C. M. Peeters als Komponist genannt. Dreht man die Platte um, erfährt man, dass der Komponist des Titels „Das ist die große Straße“ Peter Laine ist.

Martin Lauer hatte mit den Schlagertexten seines Produzenten Kurt Feltz seine liebe Not. Sie waren ihm zu banal und Textänderungen lehnte Feltz kategorisch ab. In einem Interview erzählte Martin Lauer: „Ein einziges Mal habe ich mich gegen den großen Meister Feltz erfolgreich durchgesetzt: Aus Rache für den Text habe ich die Schlusszeile von „Oh Serenader“, die lautet „oh play for my darling good night“ gegähnt.“ Nachzuhören ist der ungewöhnliche Protest auf dieser Single von 1966.

Als die Prärie in alle Himmelsrichtungen erkundet war, wurde der Cowboyhut gegen Rosen ausgetauscht. Heinz Gietz komponierte - angelehnt an den vorherrschenden Rhythmus der Zeit - „Beat und rote Rosen“.

Die Rolle des Rosenkavaliers fand in „Rosen ohne Dornen“ ihre Fortsetzung.

Obwohl aller guten Dinge drei sind, war auch die Mischung „Rosen und Küsse“ wenig erfolgreich. Sämtliche Singles, die nach 1965 erschienen, haben keine Hitparadenluft geschnuppert.

„Anfangs tut es immer weh“ - 1968 kam das vorläufige Ende seiner Laufbahn als Schallplattensänger. Es sollten allerdings noch acht Jahre ins Land gehen, bevor die endgültig letzte Single von Martin Lauer veröffentlicht wurde.

Zu den Olympischen Sommerspielen 1976 in Montreal sollte eine Benefiz-LP mit singenden deutschen Sportlern erscheinen. Das Vorhaben scheiterte und davon übrig blieben die Titel „Es ist immer nur einer, der gewinnt“ und „Aber Spaß muss sein“, die auf einer Single herauskamen. Es waren die endgültig letzten Schallplattenaufnahmen von Martin Lauer.

Die LP „Erfolge, oder auch Taxi nach Texas“ fasste noch einmal die großen Hits zusammen. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass sämtliche Cover-Fotos, die für Platten im Country-Stil benötigt wurden, in einem Wildwest-Filmdorf bei Hollywood entstanden sind.

Peter Alexander im Duett mit Martin Lauer - das hat es tatsächlich gegeben. Allerdings standen die beiden bei der Aufnahme zu „Ich will morgen schon in Texas sein“ nicht gemeinsam im Studio. Neben diesem Unikat finden sich auf der LP weitere Raritäten, wie z. B. einige der weniger bekannt gewordenen Titel aus den späten 1960er Jahren oder sogar unveröffentlichte Aufnahmen. Darunter auch die deutsche Version des Glen Campbell-Hits „Galveston“, der bei Martin Lauer „Heidelberg“ hieß.

Deutsche Country-Music der 1960er Jahre gefiel auch im sonnigen Süden, wie diese EP aus Spanien beweist. Um Spekulationen vorzubeugen: Martin Lauer sang seine Erfolge in deutscher Sprache - die Titel wurden nur für das Plattencover ins Spanische übersetzt.

Da macht das Aufstehen Spaß: 10 Minuten Morgen-Gymnastik unter der Anleitung eines Spitzensportlers. Die Gymnastikübungen wurden der Schallplatte auch noch in Form eines Plakats beigefügt. Ergänzend zu den Abbildungen fanden sich auf der Rückseite noch einige gute Tipps vom Profi, die mit den Worten schließen „Sollten Sie sich nach geraumer Zeit von dieser Schallplatte lösen, um eigene Initiative bei Ihrem Gesundheitssport zu entwickeln, dann bin ich stolz auf Sie“.

Eine Blutvergiftung bedeutet das Sportler-Aus

Diese Aufzählung wäre vermutlich um einiges länger ausgefallen, hätte sich nicht unerwartet die Kehrseite der Medaille gezeigt. Bereits bei den Olympischen Spielen in Rom hatte Martin Lauer mit einer Knochenhautentzündung im rechten Fußgelenk Probleme. Bei deren Behandlung unterlief einem Arzt ein Kunstfehler. Eine Blutvergiftung und ein ganzes Jahr im Krankenhaus mit dem rechten Bein in Gips waren die Folge. Damit fand die erfolgreiche Sportlerkarriere ein jähes Ende.

Das Personal zu Tränen gerührt

Das Geld wurde knapp, erzählt Martin Lauer im SWR4-Interview und zur Deckung der Krankenhauskosten begann er, vom Krankenbett aus als Sportjournalist für diverse Zeitungen zu schreiben. Und er besann sich auf ein lange vernachlässigtes Hobby: das Gitarre spielen. Ein Gönner schenkte ihm ein Tonbandgerät und so vertrieb sich Martin Lauer die lange Zeit im Krankenhaus: er komponierte, textete, spielte Gitarre, sang dazu und zeichnete alles auf. Sein erstes Publikum war das Krankenhauspersonal, das von den Schnulzen zu Tränen gerührt war, wie Martin Lauer später in einem Interview erzählte.

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Vorsingen auf Krücken

Der Krankenbesuch eines alten Freundes sollte dem Schicksal eine neue Wende geben. Dieser brachte den Pressevertreter des Schlagerproduzenten Kurt Feltz mit, der eines der Amateurbänder mitnahm und dafür sorgte, dass es in die Hände seines Chefs gelangte, der den vollendeten Griff für lohnende Entdeckungen hatte. Alsbald folgte eine Einladung zum Vorsingen, denen Martin Lauer auf Krücken und in Begleitung von zwei Krankenschwestern Folge leistete.

Das Debüt mit Sacramento

"Niemand wollte die Schnulzen eines trübsinnigen, kranken Sportlers hören", erinnert sich Lauer gegenüber SWR4, "und so machte Kurt Feltz den deutschen Cowboy aus mir". Bereits zwei Wochen später hatte Martin Lauer Noten und Text für seine ersten beiden Aufnahmen am Krankenbett. „Sacramento“ kam 1962 in die Plattengeschäfte und wurde gleich ein großer Erfolg. Die Metamorphose vom Star der Aschenbahn zum Star der leichten Muse gelang ohne Mühe.

Kartoffelsuppe als Zaubertrank

Bernd Cullmann, Armin Hary, Walter Mahlendorf und Martin Lauer nach dem Gewinn von Olympia-Gold 1960

Vier Goldjungs von der Sprinterstaffel, ganz rechts Martin Lauer

Über die Aufnahme seiner ersten beiden Titel erzählte Martin Lauer, dass sie richtig Spaß gemacht hätten. Vor allem hinter den Kulissen gab es viel zu lachen, da sein Appetit auf Kartoffelsuppe nach dem zehnten (!!) Teller die gesamte Studiomannschaft erheiterte: Lauer zu SWR4: "Nach dem langen Krankenhausaufenthalt hatte ich Lust auf eine Suppe nach Hausmacherart und habe so lange gegessen bis nichts mehr da war. Auf diese Art hab ich die abgrundtiefe Bewunderung des ganzen Teams hervorgerufen, weil die noch nie gesehen haben, dass ein Mensch so viel Kartoffelsuppe essen kann. "Mein Fassungsvermögen gab letztlich den Ausschlag für die dann folgende achtjährige gute Zusammenarbeit. Mit Kartoffelsuppe konnte ich meinen Resonanzboden nach Belieben anheben."

Finanziell saniert dank Wild-West

Dank den Tantiemen aus den Plattenverkäufen konnte sich Martin Lauer finanziell sanieren, da die Kosten für den langen Krankenhausaufenthalt, Ärztebehandlungen und nicht zu letzt für den Rechtsbeistand gegenüber anderen Ärzten erheblich zu Buche schlugen. Die Gesangskarriere lief sogar so gut, dass sie ihm ermöglichte, sein Studium zum Maschinenbau-Ingenieur zu finanzieren und erfolgreich abzuschließen.

Plattencover von Martin Lauer

Martin Lauer

Bis Mitte der 1960er Jahre konnte sich Martin Lauer mit seinen Wildwest-Songs in den Hitparaden platzieren. Als der musikalische Zeitgeist sich änderte und andere Rhythmen die Hitparaden dominierten, wurden die Erfolge rarer. 1969 hängte er die sprichwörtliche Gitarre schließlich an den berühmten Nagel. Sein ursprüngliches Hobby, das für ein knappes Jahrzehnt lang zum Beruf geworden war, hatte es ihm ermöglicht, die Zeit bis zum selbst verdienten Geld als Diplom-Ingenieur zu überbrücken.

Heute beschäftigt sich Martin Lauer - längst im wohlverdienten Ruhestand - wieder mit dem Sport. In seiner Heimatstadt Lauf an der Pegnitz engagiert er sich im Leichtathletik-Verein für den Nachwuchs.

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