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Eine Zeichnung zeigt das Herz einer Frau im Körper

Unsere Gesundheit Frauenherzen schlagen anders

Herzinfarkte sind eine typische Männerkrankheit, heißt es immer. Das ist falsch. An gebrochenem Herzen stirbt man nur im Märchen, heißt es weiter. Auch das stimmt nicht. Immer häufiger kommen Frauen mit dieser Diagnose zum Facharzt. Insgesamt geben Frauenherzen den Ärzten viele Rätsel auf. Frauenherzen schlagen einfach anders. Wo ist der Unterschied zu den Männern?

Die gute Nachricht zuerst

Bis zu den Wechseljahren bleiben Frauen vom Herzinfarkt weitgehend verschont. Ihre Geschlechtshormone bieten einen guten Schutz. Die schlechte Nachricht lautet: Dieser Schutz kann durchbrochen werden, wenn junge Frauen rauchen und die Pille nehmen. Gerade die fatale Kombination "Pille und Rauchen" fördert die Gerinnselbildung und damit den Herzinfarkt. Nach den Wechseljahren holen die Frauen statistisch ganz schnell die Männer beim Herzinfarkt ein, ja, sie überholen sie sogar.

Frauen sterben öfter an Herzleiden

Die erschreckendste Nachricht: Frauen sterben häufiger an Herzleiden als Männer. 111.000 waren es im Jahr 2014 gegenüber 97.100 Männern. Sie erliegen häufiger einer Herzschwäche, Rhythmusstörungen oder einer Klappenerkrankung. Die Betroffenen schätzen das durchweg falsch ein: Sie haben mehr Angst vor Brustkrebs als vor dem Herztod.

Andere Symptome bei Infarkt von Frauen

Dass die Frauen eine schlechtere Prognose bei Herzleiden haben, hat mehrere Gründe. Wenn sich bei Frauen ein Infarkt ankündigt, fühlt sich das anders an als bei Männern: Der typische, einengende Brustschmerz fehlt. Stattdessen bekommen die Frauen schlecht Luft und fühlen sich schlapp, schwindelig oder übel. Wer denkt da schon an Herzinfarkt? Also gehen die Frauen mit ihren Beschwerden auch nicht zum Arzt, der Notarzt wird meist verzögert alarmiert. Somit kommen Frauen später in die Klinik, die Therapie mit dem Herzkatheter wird später durchgeführt – oder gar nicht.

Frauen bekommen weniger Stents

2015 waren von 100 mit Linksherzkatheter Untersuchten nur 35 Frauen. Oft wird der Herzinfarkt gar nicht diagnostiziert. Patientinnen und Ärzte tippen auf Magenverstimmung, besonders bei älteren Frauen. Frauen machen es den Ärzten aber auch schwer: Ihre kleinen Herzkranzgefäße weisen eine ganz andere Anatomie auf als die der Männer. Bei Problemen mit verschlossenen Herzkranzgefäßen werden heutzutage regelmäßig Gefäßstützen (Stents) eingebracht. Im Jahr 2015 waren nur 30 Prozent der Patienten, die davon profitiert haben, Frauen. Bypass-Operationen werden viermal so häufig an Männern vorgenommen.

"Ohne mich läuft nichts!"

Ein Grund für die schlechtere Prognose bei Herzerkrankungen ist auch die übertriebene weibliche Fürsorgehaltung, frei nach dem Motto "Ohne mich läuft nichts!". Sind sie im Krankenhaus, wollen Frauen meist schnell wieder nach Hause. Viele Patientinnen gönnen sich selbst nach einem schweren Herzinfarkt auch keine Rehabilitation.

Herzklopfen sollte abgeklärt werden

Häufiger als Männer leiden Frauen unter starkem Herzklopfen und beunruhigenden Aussetzern. Wenn sie häufig vorkommen, sollte abgeklärt werden, ob etwas Ernsthaftes dahintersteckt. Häufiger als bei Männern sehen die Ärzte bei Frauen auch eine Kurzatmigkeit, deren Ursachen schwer herauszufinden sind. Oft stecken noch andere Erkrankungen dahinter. Auch hier ist eine medizinische Abklärung sinnvoll.

Betablocker wirken bei Frauen schlechter

Bei Frauen wirken Medikamente anders. Betablocker zum Beispiel, eingesetzt gegen Bluthochdruck, werden vom weiblichen Organismus schlechter vertragen und wirken nicht so gut. Die Mediziner vermuten, dass es mit den weiblichen Hormonen zusammenhängt. Es fehlt aber an Forschung, denn die großen klinischen Studien werden mit Männern gemacht. Bei Frauen ist immer die Gefahr, während einer Medikamenten-Studie schwanger zu werden. Weil dann der Fötus geschädigt werden könnte, werden sie vorsichtshalber erst gar nicht mit aufgenommen.
Auch ältere Menschen, die mehrere Krankheiten haben, kommen nicht in die Studien, weil man Komplikationen befürchtet. Das sind aber hinterher genau die Patienten, die vor allem die erprobten Medikamente nehmen sollen - ein Dilemma, das die Mediziner bisher nicht lösen konnten.

Depression kann zu Herzinfarkt führen

Stark vernachlässigt wird bisher die Rolle der Seele in Sachen Herz. Kommt ein Mensch mit Herzinfarkt-Verdacht in die Klinik, fragen die Ärzte, ob er raucht, aber kaum, ob er vielleicht eine Depression hat. Depressionen verdoppeln das Risiko für einen Herzinfarkt. Die Ärzte lernen erst langsam, die Psychosomatik des Herzens im Blick zu haben. Stress und Trauer können Herzbeschwerden machen, auch wenn das Organ gesund ist. Dennoch sollte immer diagnostisch abgeklärt werden, z.B. mit einem nicht invasiven Ultraschall, ob nicht doch eine ernsthafte Schädigung vorliegt.

Bei Verlust kann das Herz brechen

Seit neustem weiß man auch, dass ein belastendes Ereignis, zum Beispiel der Verlust eines Angehörigen, einer Frau buchstäblich "das Herz brechen kann". Sie entwickelt ein "Broken-Heart-Syndrom". Die Therapie ist relativ einfach und erfolgreich. Werden die Frauen aber nicht behandelt, sterben sie am gebrochenen Herzen wie die kleine Meerjungfrau in Andersens Märchen. Ein Trost: Diese Erkrankung ist sehr selten.

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